29. Annalise-Wagner-Preis

Cover Dr. Elke Pretzel, Foto: privat
COVER © Steffen Media Dr. Elke Pretzel © privat

Dr. Elke Pretzel:
Eine gebrochene Sammlung.
Die Städtische Kunstsammlung in Neubrandenburg (1890-1945)

Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges verlustig gegangenen Sammlung als Beispiel für Kulturgutverluste kleinerer Museen in Mecklenburg

Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität Greifswald, 2019
Friedland : Steffen Media, 2020  (Edition Lesezeichen)   ISBN 978-3-941681-61-3

631 S. : zahlreiche Abbildungen
Enth. u. a. Quellennachweis S. 326-376, autorisierte Gesprächsprotokolle S. 377- 397, Katalog der zurückerlangten Werke der Städtischen Kunstsammlung S. 398-629

 

Der 29. Annalise-Wagner-Preis wird unterstützt von
der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH
und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.
Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt herzlich!

 

„Kultur trotzt Corona“: Die Annalise-Wagner-Stiftung vergibt auch in diesem Jahr den mit 2500 Euro dotierten Annalise-Wagner-Preis an einen hervorragenden Text mit Bezug zur Region Mecklenburg-Strelitz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Unterstützt wird die Vergabe von der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

Aus 69 Bewerbungen und Vorschlägen hat die Jury im Jahr 2020 zum 3. Mal in der Stiftungsgeschichte eine Hochschulschrift ausgewählt. Ausgezeichnet wird die kunstwissenschaftliche Dissertation von Dr. Elke Pretzel aus Jürgenstorf im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Sie setzt sich auseinander mit dem Thema: „Eine gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945) ; Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges verlustig gegangenen Sammlung als Beispiel für Kulturgutverluste kleinerer Museen in Mecklenburg“. Die Publikation ist Bestandteil des Promotionsverfahrens an der Universität Greifswald, lag der Jury im Manuskript vor und wurde im Juni 2020 veröffentlicht in der „Edition Lesezeichen“ bei Steffen Media (ISBN 978-3-941681-61-3).

Diese Dissertationsschrift ist eine „im allerbesten Sinne grundlegende Arbeit“ von „exemplarischer Qualität“, in der sich kunstwissenschaftliche wie gesellschaftliche „Relevanz und Aktualität“ verbinden. „Auf der Grundlage langjähriger und akribischer empirischer Forschungen, durchgehend faktenbasiert und methodisch breit aufgestellt“ macht sie eine „verlorene Kunstsammlung wieder sichtbar“: Sie gibt der vor 130 Jahren gestifteten, vor 75 Jahren am Kriegsende verschollenen, bis vor 30 Jahren fast vergessenen historischen „Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg“ (1890-1945) „wieder ein Gesicht“. [1]

Blick in die Ausstellungsräume der Städtischen Kunstsammlung, Palaisstraße 2, um 1913. Abb enth. in: Neubrandenburg und Umgebung, um 1913, S. 32., Foto: Franz Neitzel, Neubrandenburg um 1913
Fragment eines weiblichen Kopfes, 1890–1910. Foto: Bernd Kuhnert, Berlin 2012 Couvert der Testamentsurkunde von Henry Stoll, 25.4.1890. Amtsgericht Neubrandenburg, So, 1888, 294, C. 

Trotz schwieriger Quellenlage zeichnet die Autorin mit Präzision und mit weitem kulturgeschichtlichem Blickwinkel ein farbiges, nuancenreiches, komplexes Bild von 55 Jahren „gebrochener Geschichte“ dieses Neubrandenburger Kunstmuseums, in dem sich die Brüche der Zeitgeschichte widerspiegeln. Dabei spielt auch die zwischen 1945 und 1990 „gebrochene Erinnerung“ an den kriegsbedingten materiellen und ideellen Kulturgutverlust eine wichtige Rolle und es geht um Probleme und Chancen von Erforschung, Rekonstruktion und neuer Verankerung dieser „Kunst-Geschichte(n)“ im „Gedächtnis“ von Stadt und Region.

Überraschend detailreich entdeckt der Leser, wie diese Kunstsammlung von zwei Neubrandenburger Bürgern gestiftet wurde und sich entwickelte, welche materiellen bzw. künstlerisch-ästhetischen Werte sowie bürgerschaftliche Traditionen sie in die Stadtgesellschaft einbrachten, welche Fakten den Verlust der Sammlungsobjekte am Kriegsende belegen und welche Rolle dieser Verlust nach 1945 in der städtischen Erinnerungskultur spielte. Leuchtkraft und Ausstrahlung erhält dieses Bild durch weit gefasste zeitgeschichtliche und regionalhistorische, kunst-, museums- und kulturgeschichtliche Kontexte.

Zur kunstwissenschaftlichen Rekonstruktion dieser „verlorenen Neubrandenburger Sammlung“ gehört die Auseinandersetzung mit dem Thema „kriegsbedingt vermisste Kulturgüter“. Ein berührender Blick in die 1945 „abgebrochene“ Geschichte“ öffnet sich u. a. mit dem „Katalog der zurückerlangten Werke“, der den „Scherben-Fund von 2006“ erschließt. Eindrücklich wird vermittelt, dass diese physisch zerstörten Objekte eine „hohe ideelle und moralische Botschaft in sich tragen“, in ihren Brüchen und Verletzungen das „Sichtbarmachen der eigenen Geschichte“ ermöglichen und ihre Aufnahme in die Dauerausstellung der heutigen Kunstsammlung Neubrandenburg ein Stück „zurückgewonnene Identität“ [2] bedeutet.

Die Dissertationsschrift von Dr. Elke Pretzel gehört zu den ersten, die „gebrochene Geschichten“ und kriegsbedingte Kulturgutverluste speziell von kleineren Museen und Kunstsammlungen in Mecklenburg und in Ostdeutschland wissenschaftlich beleuchten. Sie kann „zum Bezugspunkt werden für weitere regional oder überregional angelegte Studien, die bisher weitestgehend fehlen[3] - und „als erfolgreiches Modellbeispiel … eine Ermutigung und Handreichung für kleinere Museen mit ähnlich schwieriger Quellenlage“ [4] sein.

Auch über den kunstwissenschaftlichen Rahmen hinaus kann dieser wissenschaftliche Text viele Interessierte erreichen, weil es der Autorin gelingt, das akribisch mit Fakten untermauerte Bild der Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg so farbig auszumalen, logisch aufzubauen und gut verständlich zu beschreiben, dass der Leser leicht und fasziniert Zugang findet.

So können diese „Kunst-Geschichte(n)“ insbesondere in Neubrandenburg „neue Impulse“ geben für die „Wahrnehmung eigener (Kultur-)Geschichte als „Facette der städtischen Identität“[5] oder für die Auseinandersetzung mit der „gebrochenen Geschichte“ der städtischen Zivilgesellschaft. Sie erzählen nicht zuletzt vom Wert und von Wertschätzung des Bürgerengagements für Kunst und Kultur in Neubrandenburg, von gemeinnützigen Stiftungen und Stifterpersönlichkeiten oder der Tradition des Kunstvereins. Das sind Aspekte, die auch in Annalise Wagners Publikationen zur Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg eine besondere Rolle spielten, die wiederum zu den „wichtigen und verlässlichen Quellen“ für das Engagement von Dr. Elke Pretzel gehören.

Im Thema „Bürgerengagement“ schließt sich auch ein Kreis zur Autorin.

Dr. Elke Pretzel ist seit 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunstsammlung Neubrandenburg, die 1981 neu begründet wurde. Nach 1990 nahm diese Institution die Suche nach Informationen zu Geschichte und Kulturgutverlusten ihrer historischen Vorgänger-Einrichtung auf und erinnert heute in ihrer Dauerausstellung daran. Elke Pretzels Forschungen fußen im dienstlichen Auftrag, doch die akribische, schwierige Spurensuche führten sie weit darüber hinaus.

Regelmäßig veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse zur „Geschichte einer verlorenen Sammlung“ (2001, 3. Aufl. 2012), übernahm ab 2003 die Zusammenarbeit mit der Datenbank Lost Art der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste / Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste und gab das „Verzeichnis der kriegsbedingt vermissten Gemälde, Grafiken, Porzellanarbeiten und Skulpturen …“ heraus (2004, korrigiert 2013). Als 2006 die „Scherben-Funde“ als Überreste der historischen Städtischen Kunstsammlung identifiziert werden konnten, initiierte sie eine Erstausstellung der Funde, begleitete wissenschaftlich die sensible, sichtbare Rekonstruktion einzelner Figuren, kuratierte das 2014 eröffnete Ausstellungskabinett mit „verletzten Neubrandenburger Fragmenten“ und inspirierte das „Brandzimmer“, eine Rauminstallation des Künstlers des Künstlers Simon Schubert, die seit 2018 als Teil der Dauerausstellung eindrucksvoll an den Verlust der historischen Kunstsammlung erinnert. Der „Scherben-Fund“ wurde auch zum Auslöser von Elke Pretzels Entscheidung, den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte der „Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg“ und ihren Kulturgutverlusten wissenschaftlich in Form einer Dissertation aufzuarbeiten.

Ihr Engagement für die „verlorene Sammlung“ wurde zur Herzenssache und ein Stück weit zur Lebensaufgabe, die „nebenberufliche“ Promotion „mit über Fünfzig“ zu einer Herausforderung, deren Ergebnis mit „magna cum laude“ eine sehr gute wissenschaftliche Bewertung fand. 

Den Bürgerengagement-Gedanken lebt Dr. Elke Pretzel aktiv auch über ihren Einsatz für die „gebrochene Sammlung“ hinaus: Sie engagiert sich seit 1990 als Vorstandsmitglied des Freundeskreises der Kunstsammlung Neubrandenburg und seit 2006 im Vorstand der Mertens-Günteritz-Stiftung. Ganz andere Seiten der Stadtkultur bringt sie im Verein JazzConnection e.V. zum Klingen, ab 2013 als Festivalleiterin des „Neubrandenburger Jazzfrühlings“. Seit 2011 ist sie Mitglied der Hauptversammlung der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe.

 

Jurybegründung (Download als PDF)

Presseinformation, lang (Download als PDF)

Presseinformation, kurz (Download als PDF)

 

Presse (Auswahl)

Susanne Schulz: Vom Scherbenhaufen zum Lebenswerk: „Eine gebrochene Sammlung“ heißt die Doktorarbeit, die Elke Pretzel über eine tiefe Wunde der Region geschrieben hat… – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2020-06-13/14). – S. 22 (Download als PDF)

Susanne Schulz: Vom Scherbenhaufen zum Lebenswerk ... - In: Nordkurier : Stadtmagazin Neubrandenburg (Juli 2020). – S. 24-25 (Download als PDF)

Verleihung des Annalise-Wagner-Preises. – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2020-09-23) s. 13 (PDF

Preisverleihung

Die öffentliche Verleihung des 29. Annalise-Wagner-Preises
ist geplant (vorbehaltlich aktueller Regelungen zur Corona-Pandemie) am europäischem „Tag der Stiftungen“, dem 1. Oktober 2020, im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Annalise Wagners Heimatstadt Neustrelitz.

Einladung (PDF), Anmeldung (PDF)

Die entsprechend der Vorschriften zur Eindämmung der Corona-Pandemie begrenzte Zahl von Plätzen ist ab 23.09.2020 durch Voranmeldungen ausgeschöpft.
Weitere Teilnahmewünsche können leider nicht mehr berücksichtigt werden.
Die Annalise-Wagner-Stiftung bittet um Verständnis.

Sehr gern wird die Annalise-Wagner-Stiftung über die Veranstaltung natürlich auf ihrer Homepage informieren.

Eine Ehre und Freude ist für Preisträgerin wie Stiftung,
dass ein herausragender Kunsthistoriker mit den Forschungsschwerpunkten Provenienzforschung und Museumsgeschichte
die Laudatio für Dr. Elke Pretzel halten wird:

Herr Prof. Dr. Gilbert Lupfer

ist seit Mai 2020 hauptamtlicher Vorstand der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste. Diese Stiftung des Bundes, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände ist national und international der zentrale Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßiger Entziehungen von Kulturgut, das sich heute in Sammlungen deutscher kulturgutbewahrender Einrichtungen befindet. Es fördert unterstützt und vernetzt Provenienzforschung. Das Hauptaugenmerk des Zentrums gilt dem im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz (sog. NS-Raubgut). Daneben zählen kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter (sog. Beutegut) sowie Kulturgut-verluste während der sowjetischen Besatzung und in der DDR zu den Handlungsfeldern. Seit April 2018 befasst sich das Zentrum zudem mit Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und fördert auch in diesem Bereich Forschungsprojekte.

Herr Prof. Dr. Lupfer ist seit 2002 Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ab 2008 Leiter des »Daphne«-Projektes für Provenienzforschung, Erfassung und Inventur; ab 2013 auch Leiter der Abteilung Forschung und wissenschaftliche Kooperation. Seit 2007 wirkt er zudem als außerplanmäßiger Professor für Kunstgeschichte am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden.

Prof. Dr. Lupfers Engagement für den 29. Annalise-Wagner-Preis setzt am „Tag der Stiftungen“, dem 1. Oktober 2020, ein außergewöhnliches Zeichen für den Stiftungsgedanken, für die Vielfalt und Nachhaltigkeit von Stiftungsengagement von „ganz großen“ wie „ganz kleinen“ Stiftungen in Deutschland. Eine wunderbare Facette des Mottos des Stiftungstags 2020: „Wir zusammen“!



[1] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises
[2] Elke Pretzel: Eine Gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945) S.
[3] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises
[4] Elke Pretzel: Eine Gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945), S. 325
[5] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises

28. Annalise-Wagner-Preis

Reinhard Simon:
Domjücher Schicksale: Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus

Spica Verlag, 2019
ISBN 9783946732549

Der 28. Annalise-Wagner-Preis wird gefördert von der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft NEUWOGES mbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.
Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt herzlich!

 

Aus 73 Vorschlägen und Bewerbungen wählte die Jury einstimmig zur Auszeichnung mit dem 28. Annalise-Wagner-Preis aus die als Manuskript vorgelegte Dokumentation „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Reinhard Simon aus Neustrelitz. Auf der Grundlage dieses Manuskripts erschien nach Abschluss der Jury-Arbeit die Publikation „Domjücher Schicksale: Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ (ISBN 9783946732549).

Diese Dokumentation gehört zu den verdienstvollen Publikationen zur regionalen Geschichte, Kultur- oder Naturgeschichte, die als Ergebnis von Bürgerforschung im Ehrenamt (Citizen Science) entstehen. Und sie ist ein Beispiel für „kleine Texte“ mit großem Potential als Impulsgeber für lebendige demokratische Erinnerungskultur, aktives bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftlichen Diskurs in der Region.

Reinhard Simon lebt in Neustrelitz und ist Verwaltungsangestellter im Naturschutzbereich. 2015 las er einen Artikel über die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde an psychisch kranken oder behinderten Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen in Mecklenburg. Und erfuhr: Auch an einem historischen Ort „vor der Haustür“ spielte dieses dunkle Kapitel der Regionalgeschichte, in der „Heil- und Pflegeanstalt Domjüch“ am Domjüchsee bei Neustrelitz.

Die Domjüch“ ist ein mehrschichtiger, regional einzigartiger, doch noch immer kaum bekannter Erinnerungsort im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Hier wurde 1902 die „Großherzogliche Landesirrenanstalt“ als moderne psychiatrische Einrichtung begründet, 1934 als „Heil- und Pflegestätte“ weitergeführt, 1943 aufgelöst und als Tuberkuloseheilanstalt genutzt. 1945 bis 1993 waren auf dem Gelände Truppen der sowjetischen Streitkräfte stationiert – und der unzugängliche Ort wurde zu einem „weißen Fleck“ in der Erinnerungslandschaft. Diese Lücken begann 2001 die Neustrelitzer Stadtarchivarin Christiane Witzke zu füllen mit ihrem bahnbrechenden historischen Abriss „Domjüch – Erinnerungen an eine Heil- und Pflegeanstalt in Mecklenburg-Strelitz“, der mit dem Annalise-Wagner-Preis 2002 ausgezeichnet wurde.

Die „Euthanasie“-Morde waren die ersten NS-Massenmorde. Zwischen 1939 und 1945 wurden auf der Grundlage der rassistischen nationalsozialistischen Ideologie hunderttausende psychisch kranke, geistig bzw. körperlich behinderte oder sozial auffällige Männer, Frauen und Kinder als „minderwertig“ und „lebensunwert“ diskriminiert, zwangssterilisiert und / oder planmäßig getötet. Das medizinische Personal wurde dafür ideologisch geschult in der „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ im mecklenburgischen Alt Rehse. Diesem Medizinverbrechen fielen auch hunderte Menschen aus den mecklenburgischen „Heil- und Pflegeanstalten“ Sachsenberg-Lewenberg und Domjüch sowie der Psychiatrischen Klinik Rostock-Gehlsheim zum Opfer.

Reinhard Simon engagiert sich dafür, möglichst vielen Opfern der „Euthanasie“-Morde aus „der Domjüch“ ihren Namen zurück zu geben – und damit ein Zeichen zu setzen für die Einzigartigkeit jeder Persönlichkeit und für die Würde jedes Menschen.

2015 wurde er Mitglied im „Verein zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrensanstalt e.V.“ und initiierte 2016 eine Erinnerungsstätte für Opfer von Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morden aus der Domjüch. Er unterstützt den virtuellen Gedenk- und Informationsort www.gedenkort-t4.eu und sucht ehrenamtlich immer weiter nach Namen und biografischen Zeugnissen.

„Für mich ist es das Wichtigste“, schreibt Reinhard Simon, „die Opfer dieser menschenverachtenden Vernichtung psychisch und körperlich Kranker nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass diese Verbrechen nie wiederholt werden. Dazu möchte ich auch mit diesem Buch beitragen.“[1]

In seiner Publikation veröffentlicht Reinhard Simon nun zum ersten Mal alle 62 bisher bekannten Namen der NS-Opfer aus „der Domjüch“ – und verankert sie auf diese Weise nachhaltig im „Gedächtnis der Region“.

Am regionalen Beispiel spannt die Dokumentation seiner Spurensuche einen Bogen vom „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (14. Juli 1933) zu den „Euthanasie“-Patientenmorden in der „Aktion T4“ (1940-1941) und bis ins Jahr 1945.

Der Autor entwirft ein – für die schwierige Quellenlage – erstaunlich plastisches Bild davon, „was sich in der dunklen Zeit auf der Domjüch abgespielt haben könnte“[2]. Dabei beschreibt er u. a. erstmals, wie das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ arbeitete, das ab 1934 dem Amtsgericht Neustrelitz angegliedert war und über Zwangssterilisationen in Mecklenburg-Strelitz entschied.

Berührend ist sein konsequent biografischer Ansatz: Reinhard Simon erzählt von den NS-Verbrechen anhand von Einzelschicksalen, soweit möglich mit biografischen Lebensskizzen, aber auch anhand kleinster Lebensspuren. Akribisch suchte er danach in den wenigen erhaltenen Krankenakten, in Transportlisten oder Todesanzeigen, in Gesprächen mit Zeitzeugen oder Angehörigen, in wissenschaftlichen Publikationen und Gedenkstätten, in deutschen und polnischen Archiven.

An den Schicksalen von Kurt Kühn und Max Gabriel wird deutlich, wie das „Erbgesundheitsgericht“ Neustrelitz Zwangssterilisationen an 70 Männern und 52 Frauen aus der Domjüch festsetzte. Biografien von beteiligten Richtern und Ärzten aus Neubrandenburg, Neustrelitz und der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch machen sichtbar, wer als Täter Verantwortung trug.

Ab 1934 erzählen Lebensgeschichten von Ernst Niemax aus Strasen, Petronella Lukaitis aus Litauen oder Anna Ziolkowski aus Weisdin von drastisch reduzierten Pflegesätzen, sinkenden Finanzmitteln und häufigen Patientenverlegungen in den drei mecklenburgischen psychiatrischen Anstalten. Jedes dieser drei Menschenleben endete 1941 mit der Ermordung. Fast vollständig rekonstruieren konnte Reinhard Simon die Lebensgeschichte von Anna Ziolkowski, die „unangepasst war und ihre eigene Vorstellung vom Leben hatte. Es reichte aber aus, um ihrem Leben gewaltsam ein Ende zu setzen.“[3].

Wie mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die rassistisch motivierte Diskriminierung von kranken und behinderten Menschen zum systematischen, organisierten Töten von Patienten in den „Euthanasie“-Morden führt, belegt Reinhard Simon z. B. mit den Schicksalen Alma Franke aus Menz, dem ersten Domjücher „Euthanasie“-Opfer oder mit dem - einzigen erhaltenen -  „T4-Meldebogen“ für Max Gabriel.

Die Erinnerung an das kurze Leben von Else Reglin aus Carwitz öffnet die Augen für das lange Vergessen und Verschweigen, das diese NS-Opfer fast schon aus auch dem „Gedächtnis der Region“ löschte: Erst 2016 erfuhren Verwandte, dass sie zu den ersten Opfern der „Aktion T4“ aus Mecklenburg gehörte. Reinhard Simon verdeutlicht mit Zeitzeugenberichten und historischen Spuren, was gefälschte Sterbeurkunden verschleiern sollten: Else Reglin wurde wie etwa 100 weitere Patienten „der Domjüch“  am 11. Juli 1941 von Neustrelitz in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht und dort am selben Tag ermordet. Es war der „erste Tötungstransport psychisch Kranker aus Mecklenburg“[4]. 

Mit Lebenswegen von Magdalena Rieck aus Neustrelitz, Helma Sittnick aus Neubrandenburg oder des 15jährigen Harry Barthelt aus Stavenhagen erinnert Reinhard Simon an Patienten „der Domjüch“, die nach Auflösung der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch (1943) von psychiatrischen Anstalten wie Sachsenberg-Lewenberg, Rostock-Gehlsheim, Kückenmühle oder Meseritz-Obrawalde aus in den Tod geschickt wurden.

Reinhard Simons Dokumentation ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen medizingeschichtlichen Forschung zur Heil- und Pflegeanstalt Domjüch in der NS-Diktatur. Doch in einer Zeit, in der die Erinnerung an das Geschehen vor mehr als 80 Jahren in das „kulturelle Gedächtnis“ übergeht, kann diese Publikation etwas ganz Besonderes:

Sie kann durch ihre im doppelten Sinne „leichte Zugänglichkeit“ und durch ihren berührenden biografischen Ansatz viele Menschen in der Region erreichen und aufmerksam machen auf lange vergessene NS-Opfer und auf den wenig bekannten Erinnerungsort an NS-Gewaltverbrechen am Domjüchsee. Sie widerspiegelt und sie ist aktives „Bürgerengagement gegen das Vergessen“ – und sie regt dazu an, dafür selbst aktiv zu werden. Sie ist eine engagierte, persönliche Form lebendigen Erinnerns an ein dunkles Kapitel der Regionalgeschichte, das uns heute Wichtiges zu sagen hat – und sie fordert indirekt, leise, aber nachdrücklich dazu heraus, sich Gedanken zu machen über Menschenwürde, Menschenrechte und medizinethische Fragen.

Deshalb möchte die Jury gerade an diesem Beispiel ein Zeichen setzen für Anerkennung und Wertschätzung regionalgeschichtlicher Bürgerforschung im Ehrenamt und für die dabei entstehenden Publikationen. Diese vielfältigen - manchmal „kleinen“ - Publikationen“ sind es, die im kulturellen Gedächtnis der Region anregende, bunte Akzente setzen, Regionalgeschichte wie Erinnerungskultur zu einem lebendigen Prozess machen und dabei eine Facette zum Leuchten bringen, die auch Annalise Wagner vorlebte: aktives, engagiertes, nachhaltiges Bürgerengagement für das „Gedächtnis der Region“.

Welche Fragen die Erinnerung an die „Euthanasie“-Morde der NS-Diktatur heute stellen, berührt wichtige Themen des gesellschaftlichen Diskurses, u. a. auch vor dem aktuellen Hintergrund von 70 Jahren Grundgesetz, 71 Jahren Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, 10 Jahren UN-Behindertenrechtskonvention, den Warnungen vor zunehmenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland – und nicht zuletzt: in Erinnerung an die zentrale Gedenkveranstaltung „Erinnern, Betrauern, Wachrütteln“ für die Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisierungen, die am 27. Januar 2019 in der Region, in der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse und im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg stattfand.

Reinhard Simon

wurde 1963 in Neustrelitz geboren. Er ist Diplomagrarpädagoge, war Lehrer in der Betriebsberufsschule des Volkseigenen Gutes Groß Vielen und arbeitet seit 1990 in der Verwaltung des Kreises Neustrelitz bzw. des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte. In der Freizeit engagiert er sich u. a. für Naturschutz und Heimatgeschichte sowie seit 2015 im „Verein zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrenanstalt e.V.“ 2007 war Reinhard Simon Preisträger des Erwin-Hemke-Preises „Forschen-schreiben-schützen“.

 

Jurybegründung (Download als PDF)

Presseinformation (Download als PDF)

Presse (Auswahl)

Lemke, Tobias: Annalise-Wagner-Preis 2019 vergeben. – In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019 -06-06). – S. 13 (PDF)

Dunkles Kapitel der Regionalgeschichte : Neustrelitzer erhält Annalise-Wagner-Preis für Dokumentation über „Euthanasie“-Morde. – In: Mecklenburg-Strelitz-Blitz am Sonntag (2019-06-09). – S. 1 (PDF)

Goetsch, Anke: Annalise-Wagner-Preis für „Domjücher Schicksale“. – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2019-06-28). – S. 15 (PDF)

Goetsch, Anke: Preis für den Text über Domjücher Schicksale. - In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019-06-28). – S. 14 (PDF)

Susanne Schulz: Hobbyforscher legt Grundstein für mehr. - In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2019-07-01). - S. 15 (PDF)

Susanne Schulz: Hobbyforscher legt Grundstein für mehr. - In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019-07-02). - S. 14 (PDF)

 

 

Preisverleihung

Der 28. Annalise-Wagner-Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.
Die Preisvergabe wurde gefördert von der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft NEUWOGES mbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

Die öffentliche Verleihung des 28. Annalise-Wagner-Preises fand statt am 28. Juni 2019 um 18 Uhr in der Regionalbibliothek Neubrandenburg.

Einladung Preisverleihung (PDF)

Die Laudatio für Reinhard Simon hielt Dr. rer. hum. Kathleen Haack, Arbeitsbereich Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Rostock und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde DGGN. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u. a. Verbrechen an psychisch Kranken und Behinderten in Mecklenburg und Pommern in der Zeit des Nationalsozialismus.

Laudatio von Dr. Kathleen Haack (PDF)

Dankwort von Reinhard Simon (PDF)

Schauspieler Michael Kleinert und Musiker Michael Rappold eröffneten die Veranstaltung mit einer Text-Klang-Collage zum Preisträger-Text.

Am Nachmittag konnte die Regionalbibliothek im Rahmen einer Bibliotheksführung mit Bibliotheksleiterin Angelika Zillmer „auf den Spuren von Annalise Wagner“ erkundet werden.

 

[1] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[2] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[3] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[4] Kathleen Haack, Ekkehardt Kumbier: Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion in Mecklenburg : ein Überblick. – In: Zeigeschichte regional 19(2015)1 S. 42

9. Lobende Anerkennung für junge Autoren / Annalise-Wagner-Jugendpreis 2018

Der 9. Annalise-Wagner-Jugendpreis geht an den 17jährigen Marvin Wils aus Neustrelitz für sein Manuskript „Das Cursor-Vermächtnis“.
   
Marvin Wils
Marvin Wils   © Marvin Wils
 
Zum ersten Mal geht der Annalise-Wagner-Jugendpreis an einen Belletristik-Text aus dem Genre Phantastik. Marvin Wils, Schüler des Gymnasium Carolinum in Neustrelitz,  entwirft im Manuskript seines Fantasy-Romans „Das Cursor-Vermächtnis“ eine phantastische Welt und verhandelt in einem packendem, genrespezifischen Plot mit jugendlichen Helden höchst aktuelle Fragen nach der Ambivalenz von „Gut und Böse“. „Mit den unzähligen phantastischen Welten auf dem Buchmarkt kann das Manuskript von Marvin Wils sich durchaus messen lassen: genrespezifische Charakteristika beherrscht der 17jährige Autor souverän.“ (Dr. Gundula Engelhardt, Laudatio)
 
Das Manuskript von Marvin Wils widerspiegelt das große Interesse am Phantastischen, am Genre Fantasy sowohl in der Jugend-  als auch Mehrgenerationen-Literatur. Es ist beeindruckend umfangreich, vermittelt die Freude des jungen Autoren an der Auseinandersetzung mit der Kraft von Phantasie und dem kreativen Experimentieren mit Sprache und Text. Die Annalise-Wagner-Stiftung möchte mit dieser Preisvergabe Jugendliche ermutigen, ihre ganz individuelle Kreativität auch auf künstlerischen Feldern auszuprobieren, sich mit den Herausforderungen literarischen Schreibens auseinander zu setzen, eigene Erfahrungen zu sammeln und dafür Wertschätzung zu erfahren.
Die Vergabe des 9. Annalise-Wagner-Jugendpreises wurde gefördert durch eine Spende der Werbe-Licht Dr. Jahn GmbH Neubrandenburg.
Die öffentliche Preisverleihung fand am 30. Juni 2018 im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Neustrelitz statt.

Einladung Preisverleihung (PDF)

Laudatio für Marvin Wils (PDF)
Dr. Gundula Engelhard, Mecklenburgische Literaturgesellschaft e.V.

Dankwort von Marvin Wils (PDF)   

Presse (Auswahl)
Annalise-Wagner-Preis (und Annalise-Wagner-Jugendpreis) 2018 wird vergeben. – In: Strelitzer Echo (2018-06-23). – S. 5  (PDF)
Block, A.: Sein Roman hat einen Preis geholt. – In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2018-07-10) S. 15 (PDF)

Marvin Wils: Das Cursor-Vermächtnis (Manuskript, Textauszug) (PDF)

Gudrun Mohr: Annalise Wagner (1903-1986)

Quelle:  Mecklenburg-Strelitz: Beiträge zur Geschichte einer Region / zusammengestellt u. bearbeitet von Frank Erstling... - Friedland : Verl. Druckerei Steffen, 2001

Ihrer Heimatstadt Neustrelitz nach dem Verlust des Landesarchivs (1934), des Landesmuseums (1945) und der Landesbibliothek (1950) ein "historisches Gedächtnis" wiederzugeben, war das erklärte Lebensziel Annalise Wagners. Trotz vieler Widrigkeiten, die sich ihr dabei in den Weg stellten, ist sie mit der Gründung des Karbe-Wagner-Archivs und des neuen Stadtmuseums diesem Ziel nahe gekommen, womit sich die Heimatforscherin, Sammlerin und Autorin bleibende Verdienste erwarb.

Annalise Wagner wurde am 19.6.1903 in Neustrelitz als drittes von fünf Kindern des Druckereibesitzers Otto Wagner und seiner Frau Ella geboren. Von 1908 bis 1918 besuchte sie verschiedene Schulen in Neustrelitz und nahm dann eine Lehre im väterlichen Betrieb auf. Von 1919 bis 1927 war sie in Angestelltenverhältnissen in Hamburg, Berlin, München, Leipzig tätig, eine Zeit, die sie gern als "meine Universitäten" bezeichnete. Das reichhaltige Kulturleben dieser deutschen Zentren nutzte sie für ihre persönliche Weiterbildung und für autodidaktische Studien. Dabei entwickelte sie ein bemerkenswertes "literarisches Gegenwartsgefühl", welches noch heute ihre umfangreiche Bibliothek bezeugt, und suchte Kontakt zu namhaften Künstlern und Schriftstellern der Zeit, beispielsweise zu Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Diese Lebensphase beendete sie 1928 / 1929 mit dem Besuch der Buchhändlerlehranstalt Leipzig. 1930 kehrte sie endgültig nach Neustrelitz zurück, zuerst in den väterlichen Betrieb. Einige Jahr später übernahm sie die der Druckerei angeschlossene Buch- und Papierhandlung. Als selbstständige Buchhändlerin und Verlegerin gab sie hauptsächlich heimatkundliches Schrifttum heraus, beispielsweise 1938 Walter Karbes "Strelitzer Allerlei" und "Wanderungen durch Neustrelitz und Umgebung"

Mit dem Willen, ihr Leben nach konsequent eigenem Entwurf zu gestalten, geriet sie zwangsläufig mit den beiden deutschen Diktaturen, die ihren Lebensweg prägten, in Konflikt.

Nach dem Tode des verdienstvollen Neustrelitzer Heimatforschers Walter Karbe (1877-1956) erbte sie dessen Privatsammlungen und gründete am 6.12.1956 das Karbe-Wagner-Archivs als öffentlich nutzbares Privatarchiv.1957 ehrte sie Walter Karbe mit einer umfangreichen Biografie "Walter Karbe - der sich die Heimat erwanderte", erschienen im Hinstorff-Verlag Rostock. 1965 setzte sie die staatliche Anerkennung des Archivs durch und etablierte die "Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs", die heute bereits als "Klassiker" des heimatkundlichen Schrifttums in Mecklenburg-Strelitz gilt. An 13 Heften dieser Schriftenreihe arbeitete sie noch persönlich mit. Hier und in Hunderten von Pressebeiträgen, in Ost und West veröffentlicht, pflegte sie die Erinnerung an verdienstvolle Persönlichkeiten der Region, nahm zu Fragen der Geschichtsschreibung, des Natur- und Landschaftsschutzes, der Denkmalpflege und der Geschehnisse des Alltag Stellung. Annalise Wagner führte eine streitbare Feder, die ihr nur selten Sympathien einbrachten. Im Gegenteil. Stets am Gedanken der Einheit ihres deutschen Vaterlandes festhaltend, hielt sie trotz Verbotes vielerlei Kontakte nach Westdeutschland aufrecht. Damit geriet sie in das Visier des Staatssicherheitdienstes der DDR.

Obwohl sie 1973 Wohnhaus, Grundstück und Archiv ihrer geliebten Vaterstadt Neustrelitz schenkte und sie sogar Ehrenbürgerin wurde, folgten Behinderungen vielfältiger Art, besonders in der Publikationstätigkeit. Die damit verbundenen Querelen und Benachteiligungen empfand sie als tiefe persönliche Kränkung, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr verkraftete. Am 26.6.1986 starb Annalise Wagner vereinsamt in der Neustrelitzer Wohnung an Herzversagen. Ihrem testamentarischen Wunsche entsprechend ging ihr Nachlass an die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg. Nach der politischen Wende 1990 waren alle Voraussetzungen gegeben, die Vermächtnisse dieses Lebens zu erfüllen. Mit einem Teil des nachgelassenen Barvermögens konnten umfangreichen Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten in Museum Neustrelitz und im Karbe-Wagner-Archiv unterstützt werden. Der größere Teil bildete den finanziellen Grundstock für die "Annalise-Wagner-Stiftung", welche 1991 als erste Kulturstiftung des Landes Mecklenburg-Vorpommern durch die Stadt Neubrandenburg errichtet wurde. Der jährlich vergebene Förderpreis für heimatkundliches Schrifttum trägt nun den Namen Annalise Wagners.

Mohr, Gudrun: Erinnerungen an Annalise Wagner: zum 10. Todestag am 26.6.1996

Erinnerungen an Annalise Wagner : zum 10. Todestag am 26. 6. 1996. – In: Hexenprozesse und Aberglauben in Mecklenburg / Annalise Wagner. – Neustrelitz : Lenover, 1996. – S. 53 – 60

Wenn ich an meine Begegnungen mit Annalise Wagner zurückdenke, dann sehe ich uns an ihrem großen, runden Wohnzimmertisch sitzen. Sie erzählt. Die Gedanken gehen zielsicher durch die Jahrzehnte, verknüpfen mühelos Lebensläufe und Ereignisse. Ich bin still und höre ihr fasziniert zu.

Wie oft wünschte ich mir, diese hoch interessanten Informationen zu Land und Leuten aufzeichnen zu können, am besten mit einem Recorder. Niemals würde ich das alles in meinem Gedächtnis speichern und verarbeiten können, was mir da innerhalb von zwei Stunden zuflog. Aber wir sind nie dazu gekommen, eine solche Möglichkeit ernsthaft zu erwägen, und vielleicht wäre Annalise Wagner dazu auch nicht bereit gewesen. Die Erfahrung ließ sie befürchten, daß Gesagtes wieder gegen sie verwendet werden könnte. Wie sehr dieses Mißtrauen begründet war, wird jeder verstehen, der sich näher mit ihrem Lebenslauf bekanntmacht.

Ebenso in Erinnerung geblieben ist mir ihr unerschütterlicher Glaube an eine Zukunft, welche die Mauern der Ignoranz überwunden, erlittenes Unrecht gesühnt haben wird. Jedem - auch ihr - werde Gerechtigkeit widerfahren. Im Zusammenhang mit dem Erwerb ihrer Ernst-Barlach-Sammlung durch die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg schrieb sie mir 1985: "Da sich heute viele ‚Schriftsteller' anmaßen, über Barlach schreiben zu können, aber weder den großen Individualisten noch Gottsucher erkennen oder wahrhaben wollen, schreiben sie aus zeitgenössischer Tendenz drauflos ... Genauso wie sie meinen Walter Karbe belächeln und mißachten, obwohl er ein großer Sozialist war, und sein universales Wissen, das er mit größter Freigiebigkeit jung und alt fünfzig Jahre lang vermittelte in Wort, Schrift und Exponat ... Bewahren Sie mein Archiv (gemeint ist hier die Ernst-Barlach-Sammlung) vorläufig zünftig auf, bis Sie über Platz und Ordnung verfügen, auch wenn es Jahre sind. Barlach wird erst nach 1990 verstanden, vielleicht erst im neuen beginnenden Zeitalter des Wassermanns (ab 2000). Sie werden es noch erleben !"

Als ich zu DDR-Zeiten einmal einen sachlicheren Umgang mit Annalise Wagner, ihrem Können und Wollen, einforderte, hieß es: "Die Wagner ist eine Kommunistenhasserin, mit der kann man nicht umgehen:" Und kurz nach der Wende verstieg sich ein anderer in die Behauptung, Annalise Wagner sei eine aktive Nazi-Parteigängerin gewesen. Pastor Winfried Wegener dagegen schilderte sie in seiner Predigt zur Trauerfeier am 1. Juli 1986 als einen Menschen, "der nicht schnell kompromißbereit war. Sie war eine Kämpfernatur. Aber gerade in ihrer kompromißlosen Haltung konnte sie Werte erarbeiten und erhalten, die für die Geschichte des Strelitzer Landes und darüber hinaus von Bedeutung sind. Der Wert eines Menschen wird nicht darin liegen, daß er sich beliebt gemacht hat, sondern daß er sich selbst und der Verantwortung vor Gott treu geblieben ist."

Annalise Wagners Lebenslauf berührte kaum die großen Schauplätze deutscher Geschichte, trotzdem ist diese in ihrem Leben allgegenwärtig gewesen mit Hoffnungen, Irrtümern, Enttäuschungen, wieder Hoffnung, wieder Enttäuschung - betroffen wie viele andere ihrer Generation.

Annalise Wagner wurde als drittes Kind der Drucker- und Buchhändler - Familie Wagner am 19. 6. 1903 in Neustrelitz geboren. In der Kinder- und Jugendzeit und auch während der ersten Lehrjahre im Betrieb der Eltern lebte sie in dem Haus, in welchem sich heute das von ihr initiierte Stadtmuseum und (im Hofgebäude) das von ihr gestiftete Karbe-Wagner-Archiv befinden.

Hamburg, Leipzig, München, Berlin waren weitere Stationen auf ihrem Weg. Als aufgeschlossener und vielseitig interessierter junger Mensch empfing sie hier unendlich viele geistige Anregungen. "So sah ich in meinen Lehr- und Wanderjahren als große Freundin des Theaters Schauspiele von Ibsen, Sudermann, Hauptmann, später Friedrich Wolf, Ferdinand Bruckner, Wedekind u. a., die alle revolutionsgeschwängert waren und mich begeisterten. Ich besuchte ... die Volkshochschule, die von der SPD geleitet wurde und meist auch solche Dozenten hatte ... Ich fand es hoch interessant, die Menschen der Umgebung zu analysieren. Es regte sich damals meine starke charakterologische Leidenschaft, die sich seit Leipzig (als Gasthörerin bei Ludwig Klages u. a. bedeutenden Psychologen) als dauerhaft erwies und mich bis heute nicht verläßt ...". Den modernen bildenden Künstlern war sie ebenso zugetan wie den zeitgenössischen Literaten. Zu manchem suchte sie persönlichen Kontakt, beispielsweise zu Käthe Kollwitz oder Ernst Barlach. Sie begann zu schreiben - Gedichte, Prosatexte, kulturgeschichtliche Abhandlungen. Ihre erste Veröffentlichung überhaupt - es war ein Beitrag für die "Rostocker Zeitung" - widmete sie dem Schaffen von Käthe Kollwitz.

In München frischte Annalise Wagner die aus Neustrelitz herrührende Bekanntschaft mit der Schwiegertochter des Neustrelitzer Malers Wilhelm Riefstahl (1827 - 1888) auf. Sie ordnete dessen Nachlaß und auch den seines bereits verstorbenen Sohnes Dr. Erich Riefstahl. "Nach vielen sauren Wochen und Monaten hatte ich mit peinlicher Genauigkeit mir ein Lebensbild des Malers erarbeitet." Im Ergebnis dieser Mühen entstand das 200 Seiten umfassende Manuskript einer Biographie und ein Aufsatz über den Künstler, den die von Johannes Gillhoff begründeten "Mecklenburgischen Monatshefte" im Oktober 1927 zum 100. Geburtstag des Malers veröffentlichten.

1930 kehrte sie endgültig in ihre Heimatstadt zurück. Inzwischen hatte sie die Ausbildung als Buchhändlerin abgeschlossen und beabsichtigte, diesen Beruf in Neustrelitz auszuüben. Das gelang ihr auch - zwar verbunden mit vielen Schwierigkeiten - über zwei Jahrzehnte. Vorerst arbeitete sie aber als Gehilfin im väterlichen Betrieb. Der Vater Otto Wagner (1866 - 1930), eine stadtbekannte und geachtete Persönlichkeit, entschloß sich kurz vor seinem Tod, den Betrieb in die Hände der Kinder zu geben. Tochter Annalise übernahm die Buch- und Papierhandlung, ihr jüngerer Bruder Friedrich Wilhelm die Buchdruckerei. Annalise Wagner begann bald mit verlegerischer Tätigkeit. Sie gab heimatkundliche Schriften heraus, z. B. erschienen 1938 in ihrem Verlag Walter Karbes "Strelitzer Allerlei", Karl Hackers "Ut Dörp un Stadt, Kasern un Schloß" und die "Wanderungen durch Neustrelitz und Umgebung".

"AWE" - wie sie Freunde und Bekannte nannten, nach dem Kürzel, mit welchem sie gern ihre Pressebeiträge und Briefe unterzeichnete – war eine ausgeprägte lndividualistin, die ziemlich genau wußte, was sie wollte. So geriet sie zwangsläufig mit den beiden deutschen Diktaturen in Konflikt, die im wesentlichen ihre Lebenszeit bestimmten.

Im Juni 1942 wurde sie in Schutzhaft genommen, kam aber durch glückliche Umstände nach einer Woche wieder frei. Die Nazis ließen wenig später ihr Geschäft schließen und beschlagnahmten die Räume. "1943 wurde mein Geschäft auf Befehl des Gauleiters Hildebrandt geschlossen und meine Geschäftswerte enteignet. Meine Geschäftsräume wurden beschlagnahmt und ein Ausweichlager für den Reichsnährstandsverlag eröffnet."

Nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur schloß sie sich den aufbauwilligen Kräften an, wurde Mitglied der Liberal - Demokratischen Partei Deutschlands, Stadtverordnete, Vorsitzende verschiedener Ausschüsse der Stadtparlaments, Mitbegründerin von Kulturbund und Demokratischem Frauenbund. Aber diesem Engagement war kein bleibender Erfolg beschieden. Ihr weit gefächertes Literatur- und Kunstverständnis kollidierte sehr bald mit den immer enger werdenden kulturpolitischen Vorgaben in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, Differenzen mit den neuen politischen Kräften traten bereits 1948 zu Tage. Die politischen Auseinandersetzungen zwischen der SED und den Blockparteien betrafen sie persönlich. Ihrer Partei wurde die Zusammenarbeit, die auf antifaschistischer Grundlage entstanden war, aufgekündigt. "Die feigen maßgebenden Leute der LDPD - Ortsgruppe beurlaubten mich sofort, enthoben mich aller Ämter. Ich wurde sogar aus einer Versammlung geholt, als ich gerade am Rednerpult stand und Bericht gab über die eigene Arbeit." 1953 wurde ihre wiedererstandene Buchhandlung abermals geschlossen, allerdings nur für einige Wochen. Auch diese Aktion war politisch motiviert, denn wieder sollten die "falschen Bücher" in den Regalen gestanden haben. Trotzdem wagte Annalise Wagner einen weiteren Anfang und führte ihre Buchhandlung bis Ende der fünfziger Jahre weiter.

Von der Auflösung der ehrwürdigen Mecklenburg-Strelitzschen Landesbibliothek im Jahr 1950 war Annalise Wagner zwar nicht unmittelbar betroffen, aber daraus entstanden weitreichende Folgen für die Zukunft. Walter Karbe (1877 - 1956), jahrzehntelang Konservator des Landesmuseums und Bibliothekar an der Landesbibliothek, besaß erwiesenermaßen einen hohen persönlichen Anteil an der Rettung der Bibliothek in den schwierigen Wochen nach dem 30. April 1945. Im September 1950 mußte er ebenfalls kurzfristig der Parkhaus, das Domizil der Landesbibliothek, räumen, obwohl sich hier noch seine privaten Sammlungen befanden. Diese hatte er hier untergebracht, als die Besatzungsmacht 1945 das Haus seiner Wirtin beschlagnahmte. Nun sah sich die Stadtverwaltung Neustrelitz außerstande, ihm schnell angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. In dieser Situation bot Annalise Wagner Hilfe an, übernahm Walter Karbes Sammlungen in ihr Haus und richtete ihm hier sein "Studio" ein.

Nach dem Tode Walter Karbes erbte sie diese reichhaltige Privatsammlung, setzte Karbes Sammeltätigkeit fort und gründete im Dezember 1956 das Karbe-Wagner-Archiv als öffentlich nutzbares Privatarchiv. Später half sie einem neuen Stadtmuseum auf den Weg und gab seit 1966 die "Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs" heraus. Die ersten Hefte ließ sie noch auf eigene Kosten herstellen. Insgesamt waren 25 Folgen konzipiert, von denen bis 1977 15 Folgen erschienen, 13 noch mit ihrem direkten Zutun. Die Resonanz war sehr positiv. Einige Hefte erreichten in kurzer Zeit drei Auflagen. Das Heft 10 allerdings - "Aus dem alten Neubrandenburg : Teil III" - wird zwar schon 1972 gedruckt, aber erst 1981 zum Verkauf freigegeben.

Ihren Wissensschatz breitete Annalise Wagner gern und uneigennützig aus, vorausgesetzt, sie spürte wirkliches Interesse an und Verantwortung im Umgang mit Geschichte. "Nur der vermag sich die Zukunft zu bauen, der die geschichtliche Vergangenheit trotz kritischer Wertung achtet, der die Eigenart unseres Heimatlandes mit der zwar heute überholten Struktur liebt und sie nicht beschmutzt." Diese nach wie vor aktuelle Sicht auf die Dinge formulierte sie bereits im Jahr 1959. Sie widmete sich den Natur- und Heimatfreunden des Kulturbundes ebenso wie den Kindern oder den Urlaubern. Mit ihnen wanderte sie durch und vor die Stadt. Sie schrieb ungezählte Beiträge für die Regionalzeitungen und fand in der Kultur- und Personengeschichte sowie in der Kunstgeschichte ihre vielfältigen Themen.

1973 beschenkte Annalise Wagner ihre Vaterstadt mit dem Karbe-Wagner-Archiv, ihrem Wohnhaus und dem zugehörigen Grundstück. Anläßlich ihres 70. Geburtstages erhielt sie die Ehrenbürgerwürde der Stadt. Das aber schützte sie nicht davor, ein dreiviertel Jahr später vor die Tür ihres ehemaligen Archivs gesetzt zu werden, in welchem sie noch stundenweise tätig war. Die damit verbundenen Benachteiligungen und Querelen empfand sie als tiefe persönliche Kränkung, welche sie bis zu ihrem Lebensende nicht verkraften konnte. Es schmerzte sie sehr, in der DDR, insbesondere in ihrer engeren Heimat, immer weniger Wirkungsmöglichkeiten zu finden, denn Zeitungsredaktionen, Verlage und so manche andere Tür blieb für sie immer öfter verschlossen. Nur das "Carolinum", die Zeitschrift der Altschülerschaft des Gymnasium Carolinum Neustrelitz, in Göttingen herausgegeben, erwies sich als verläßliches Podium über Jahrzehnte. 64 Aufsätze aus ihrer Feder wurden hier abgedruckt.

Manchen ihrer Texte schrieb sie unter einem beziehungsvollen Pseudonym, welches Landessuperintendent Kurt Winkelmann (1932 - 1996) bei der ersten Verleihung des Annalise-Wagner-Preises im Jahr 1992 aufgriff, als er sagte: "Annalise Wagner, die sich selbst manchmal Anna Eckstein nannte, wurde manchmal zu einem Eckstein, an dem man sich stoßen konnte. Aber auch zu einem Anstoß, der Anregungen vermittelte, die in die Zukunft weisen. Weil sie sich Sorgen machte um die nächste Generation, weil sie aufblicken und zum Ausblick anregen möchte, formulierte sie scharf: 'Aber die Wegwerfgesellschaft in ganz Deutschland wirft nicht nur unmoderne oder kaum gebrauchte Gegenstände über Bord, sondern auch das eigene Leben oder das anderer. Die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne ethische Werte und Ziele, ohne die Basis Humanität im wahrsten Wortsinn, ohne gottnahe Menschlichkeitsentwicklung, also ein Leben aus und mit dem Gottgeist, führt zum Abgrund."

Am 26. Juni 1986 verstarb Annalise Wagner einsam in ihrer Wohnung an Herzversagen. Im Kontext zu den wenige Jahre nach ihrem Tode eingetretenen politischen Veränderungen in der DDR betrachtet, die viele ihrer menschlichen Maximen und politischen Auffassungen bestätigten, ist dieser Lebensabend nicht frei von tragischen Momenten. Der Nachlaß ging in Vollzug ihrer Testaments an die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek, heute Regionalbibliothek Neubrandenburg. Die Büchersammlung, die archivalischen und antiquarischen Teile des Nachlasses verblieben aber in Neustrelitz. Auf der Grundlage eines Teils des hinterlassenen Barvermögens errichtete die Stadt Neubrandenburg als Trägerin der Regionalbibliothek 1991 die Annalise-Wagner-Stiftung und vergibt nun jährlich den gleichnamigen Literaturpreis. Dieser soll ganz im Sinne Annalise Wagners der Aufarbeitung mecklenburgischer Kultur- und Landesgeschichte dienen und die in der südöstlichen Region ansässigen Autorinnen und Autoren unterstützen.

"Eckstein" kann Annalise Wagner nun nicht mehr sein, dafür aber ein Prüfstein für unsere Toleranz gegenüber einem Leben nach konsequent eigenem Entwurf, für unsere Bereitschaft, "aus den Fehlern der alten Zeit zu lernen", also für unsere Fähigkeit zur historischen Wahrheitsfindung.

Gudrun Mohr (Neubrandenburg) Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Additional information

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.