30. Annalise-Wagner-Preis

NiemannBeständigerWandel_Cover © Hinstorff Verlag Rostock Prof. Dr. Mario Niemann © IT- und Medienzentrum der Universität Rostock
Niemann Beständiger Wandel
Cover
© Hinstorff Verlag Rostock
Prof. Dr. Mario Niemann
© IT- und Medienzentrum
der Universität Rostock

 

Prof. Dr. Mario Niemann

Beständiger Wandel:
Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Mecklenburg
von 1900 bis 2000

Rostock : Hinstorff Verlag, 2020

800 Seiten : zahlreiche Tabellen und historische Fotografien

Enth. u.a. Verzeichnis der zitierten Quellen und Literatur S. 747-786,
Verzeichnis der im Text erwähnten mecklenburgischen Dörfer S. 791-800

 

Die Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preis wird unterstützt
durch einen Zuschuss des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte.
Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt herzlich!

 

Die Annalise-Wagner-Stiftung aus Neubrandenburg vergibt – „trotz des 2. Jahres mit Corona“ – im Jahr 2021 zum 30. Mal den „Annalise-Wagner-Preis“ an einen Text mit Bezug zur historischen Region Mecklenburg-Strelitz. Der anerkannte regionale Literaturpreis ist mit 2500 Euro dotiert und wird in diesem Jahr unterstützt vom Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Mitten in der dritten Welle der Corona-Pandemie diskutierte die Jury über 76 eingereichte Bewerbungen und Vorschläge. Zum Geburtstag der Stifterin Annalise Wagner (1903-1986) am 19. Juni steht nun fest:

Der 30. Annalise-Wagner-Preis geht an die agrar- und zeitgeschichtliche Studie „Beständiger Wandel: Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Mecklenburg von 1900 bis 2000“ von Prof. Dr. Mario Niemann. Die – im doppelten Sinne gewichtige - Publikation erschien 2020 im traditionsreichen, 190jährigen Rostocker Hinstorff Verlag und liegt druckfrisch in der 2. Auflage vor (ISBN 9783356023695)

Als „erste Gesamtdarstellung des ländlichen Lebens in Mecklenburg im 20. Jahrhundert“ ist dieses agrarhistorische Sachbuch ein Meilenstein in der Erforschung der Wirtschafts- und Sozialgeschichte des mecklenburgischen Landesteils des Bundeslandes Mecklenburg-Vorpommern – und zugleich verspricht die erzählerische Textqualität jedem Interessierten einen „fesselnden Lesegenuss“[1]..

Erstmals stehen die Territorien des historischen Mecklenburg-Schwerin und des historischen Mecklenburg-Strelitz gemeinsam im Fokus einer zeitgeschichtlichen agrarhistorischen Untersuchung, werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der mecklenburgischen Regionen erhellt.

Statistische Angaben beziehen entsprechend der staatlich-administrativen Zuordnungen auch weitere Gebiete ein. Die Anzahl der benannten Orte aus dem Gebiet Mecklenburg-Strelitz entspricht dem territorialen Anteil dieser Region, die Vielfalt und Aussagekraft der ausgewählten „strelitzschen Quellen“ ist bemerkenswert.

Dieses agrarhistorische Sachbuch ist ein „beeindruckender Beitrag zum kollektiven Gedächtnis der Region“ und gibt nachhaltig „Impulse für demokratische Erinnerungskultur und gesellschaftliche Kommunikation“, heißt es in der Begründung der Jury zur Preisvergabe.

Im „historischen Weitwinkel“ entfaltet sich ein klar ausgeleuchtetes Bild der Strukturen und grundlegenden Veränderungen des ländlichen Raumes und der ländlichen Gesellschaft in Mecklenburg in diesen 100 Jahren – mit vielfältigen Bezügen zu Alltags- oder Kulturgeschichte, zu Soziologie oder Sozialökonomie, zu politischen und gesellschaftlichen Prozessen und Brüchen.

Zu den agrarhistorischen Zäsuren zwischen den Jahrhundertwenden von 1900 und 2000 gehören „der Erste Weltkrieg, die Novemberrevolution, Nachkriegszeit und Inflation, die Agrarkrise der Weimarer Republik, die nationalsozialistische Herrschaft und der Zweite Weltkrieg, die Bodenreform 1945, die Kollektivierung in den Jahren 1952 bis 1960, die Industrialisierung der Landwirtschaft und die Trennung von Tier- und Pflanzenproduktion in den siebziger Jahren und schließlich der Transformationsprozess ab 1990.“ (Niemann, S. 9)

Im „Zoom“ auf die konkreten Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Menschen werden die gravierenden Umbrüche in Landwirtschaft und ländlichem Leben zwischen den Jahrhundertwenden „in handfestem Alltag widergespiegelt“[2]. Viele „sprechende Quellen“ – darunter auch in plattdeutscher Sprache – machen mecklenburgische Dorf- und Lebensgeschichte(n) dieser Zeit lebendig und spannend, „Geschichte wird so transparent, spür- und greifbar“, betont die Jury. 

Zu diesen Quellen gehören u. a. Ortschroniken, Dokumente, Lebenserinnerungen oder Zeitzeugenberichte – und die „Original-Töne“ in plattdeutscher Sprache, erinnern daran, wie weitreichend sich ländliche Lebenswelten im 20. Jahrhundert auch sprachlich wandelten.

 

„Der Autor führt durch Höhen und Tiefen der Landesgeschichte und – darin eingebettet – ortskonkreter Regionalgeschichte“[3]. Mit spürbarer Wertschätzung für Landarbeit und ländliches Leben eröffnet er innerhalb jedes Zeitabschnitts ganz unterschiedliche Blickwinkel, um Widersprüchlichkeit, Komplexität und Facettenreichtum der agrargeschichtlichen Entwicklungen und Brüche deutlich zu machen und „Vereinseitigungen und Verkürzungen entgegenzuwirken“[4].

Den Text ergänzen zahlreiche aussagekräftige Statistiken, erstmals veröffentlichte historische Fotografien, der wissenschaftliche Apparat, das umfangreiche Literaturverzeichnis und ein hilfreiches Ortsregister.

 

Fasziniert hat die Jury, dass dieses 800 Seiten starke agrarhistorische Sachbuch einen so „fesselnden Lesegenuss“ bietet. Wer mit Neugier „hineinliest“, kann sich dem erzählerischen „Sog“ nicht entziehen. Wissenschaftliche Souveränität und sprachliche Stilsicherheit des Autors verbinden sich – ganz in Annalise Wagners Sinne – mit seinem ausdrücklichen Anliegen, „mit diesem Buch eine breite Leserschaft anzusprechen“[5]

Leser spüren "zwischen den Zeilen“, wie wichtig es dem Autor ist, dass man versteht: Das geht mich an, mit diesem Wissen lässt sich nachdenken z. B. über das "Gewordensein dieser Orte“[6] (Jury), über Zeugnisse des 20. Jahrhunderts in der mecklenburgischen Kulturlandschaft, über Fragen nach Heimat und Identität im ländlichen Mecklenburg, über den weiteren ständigen Wandel in Landwirtschaft und ländlichem Leben in Mecklenburg … und dessen Herausforderungen in unserer Zeit.

Wer sich für die historische, heutige und künftige Entwicklung des ländlichen Raumes in der Region und in Mecklenburg-Vorpommern interessiert und engagiert, findet in diesem Buch eine solide wissenschaftliche Ausgangsbasis „in Sachen 20. Jahrhundert“ und vielfältige Impulse.

Voller Anregungen steckt es u. a. für Kommunen und Gemeinden, zivilgesellschaftliches Engagement in Vereinen, Stiftungen oder Bürgerinitiativen „auf dem Lande“, Ortschronisten, Organisationen und Initiativen der Landwirte, die ländliche Kreativwirtschaft – und nicht zuletzt: die wissenschaftliche Lehre und Forschung an den Universitäten und Hochschulen des Bundeslandes in Fächern wie z.B. Geschichte, Agrarwirtschaft, Lebensmitteltechnologie, Landschafts- und Umweltwissenschaften.

Spannend ist dieses agrarhistorische Sachbuch auch für historisch-politische Bildungsarbeit im landwirtschaftlich geprägten Mecklenburg-Vorpommern: „Durch die sachlich differenzierte Darstellung wird eine kritische Reflexion historischer Zusammenhänge ermöglicht, welche einseitigen und simplifizierenden Geschichtsdeutungen entgegenwirkt und auch verdeutlicht, wohin demokratiefeindliche Strukturen in der Geschichte geführt haben und auch weiterhin führen können.“[7]

Der renommierte Zeit- und Agrarhistoriker Prof. Dr. Mario Niemann engagierte sich für dieses publizistische „Herzens-Projekt“ mit einer Leidenschaft, die auf wissenschaftlicher Berufung fußt, weit darüber hinausgeht – und auch ganz persönliche Hintergründe hat.

„Ich bin Mecklenburger und fühle mich dem ländlichen Mecklenburg sehr verbunden“, schreibt er im Vorwort der Publikation, und er widmet sie seinen Großeltern, „mecklenburgischen Bauern von echtem Schrot und Korn“. Zu seinen Vorfahren gehören alteingesessene mecklenburgische Bauernfamilien, er absolvierte eine landwirtschaftliche Berufsausbildung, studierte an der Rostocker Universität Geschichte und leitet heute den Arbeitsbereich Moderne deutsche Agrargeschichte am Historischen Institut der Universität Rostock.

 

Prof. Dr. Mario Niemann

„Über die Auszeichnung meines Buches „Beständiger Wandel. Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in Mecklenburg von 1900 bis 2000“ mit dem Annalise-Wagner-Preis freue ich mich sehr. Bei der Arbeit an dem Buch war es mein Bestreben, die Entwicklungen im ländlichen Raum sowohl für Mecklenburg-Schwerin als auch für Mecklenburg-Strelitz umfassend für das komplette 20. Jahrhundert darzustellen. Der Preis ist eine schöne und sehr willkommene Würdigung meiner mehrjährigen intensiven Forschungsarbeit. Er trägt wesentlich dazu bei, ein weiteres Ziel, das ich mir gesetzt habe, zu erreichen: Ich möchte mit dem Buch eine breite Leserschaft ansprechen.“

 

Kurzbiographie (Stand 06/ 2021)

Geboren 1971 in Parchim, aufgewachsen und wohnhaft in Grebbin, Kreis Parchim; 1988-1991 Berufsausbildung zum Facharbeiter für Pflanzenproduktion mit Abitur; 1991-1996 Magisterstudium der Geschichtswissenschaften (Hauptfach) sowie der Ur- und Frühgeschichte und der Politischen Wissenschaft (Nebenfächer) an der Universität Rostock, Abschluss als Magister Artium; 1997-1999 Promotionsstudium an der Universität Rostock als Stipendiat der Landesgraduiertenförderung des Landes Mecklenburg-Vorpommern; 1999 Promotion zum Dr. phil. an der Universität Rostock mit einer Dissertation zum Thema: Mecklenburgischer Großgrundbesitz im Dritten Reich (1933-1945). Untersuchungen zur sozialen Struktur, wirtschaftlichen Stellung und politischen Rolle; 1999-2005 Wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Zeitgeschichte des Historischen Instituts der Universität Rostock; 2006 Habilitation zum Dr. phil. habil. für das Lehrgebiet „Neueste und Zeitgeschichte“, Thema der Habilitationsschrift: Die Sekretäre der SED-Bezirksleitungen 1952 bis 1989; seit 2006 Leiter des Arbeitsbereichs Moderne deutsche Agrargeschichte am Historischen Institut der Universität Rostock; seit 2012 außerplanmäßiger Professor für das Fachgebiet Zeitgeschichte und Agrargeschichte.

 

Jurybegründung (Download als PDF)

Presseinformation, lang (Download als PDF)

Presseinformation, kurz (Download als PDF)

Presse (Auswahl)

 

Preisverleihung

Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt sehr herzlich allen ehrenamtlich Engagierten in Jury und Kuratorium, der Stadt Neubrandenburg und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte, dass es trotz schwieriger Pandemie-Bedingungen im Frühjahr 2021 gelungen ist, die 30. Preisvergabe zu realisieren und die Öffentlichkeit darüber zum Geburtstag von Annalise-Wagner (1903-1986) am 19. Juni bzw. ihrem 35. Todestag am 26. Juni 2021 zu informieren.

Zwischen dem 30. Preisträger-Text und dem Nachdenken über den 35. Todestag der Stifterin spinnt sich ein berührender „Faden der Erinnerung“ an die gravierenden gesellschaftlichen Widersprüche und Umbrüche des 20. Jahrhunderts. Aus ganz verschiedenen Blickwinkeln erzählen davon sowohl die mecklenburgische Agrargeschichte des 20. Jahrhunderts – als auch Annalise Wagners gebrochene Biografie, als deren Konsequenz vor 35 Jahren in das Testament Annalise Wagners ihre weitsichtige, außergewöhnliche Idee eines regionalen, privat angestifteten Literaturpreises einging. Diesen letzten Wunsch erfüllten die Neubrandenburger Stadtvertreter vor 30 Jahren mit der Errichtung der Annalise-Wagner-Stiftung als Treuhandstiftung der Stadt Neubrandenburg.

Der 30. Annalise-Wagner-Preis wird anlässlich des europaweiten Tages der Stiftungen an Prof. Dr. Mario Niemann verliehen. Die öffentliche Preisverleihung wird stattfinden in der Hochschule Neubrandenburg. Die Hochschule Neubrandenburg wird in diesem Jahr gleichfalls „30 Jahre jung“. Sie ist in der Region und in ihrem Profil eine einzigartige wissenschaftliche Einrichtung. Ihre Angebote für Studium, Weiterbildung und Forschung legen Schwerpunkte auf die Themen Gesundheit und Ernährung und Nachhaltiger Strukturwandel und Umbau von ländlichen Regionen. Als "innovative Hochschule" ist sie „Partnerin der Region, wenn es um Bildung, Weiterbildung sowie um Regional- und Kommunalentwicklung geht“: das Projekt HiRegion vernetzt den Wissenstransfer zwischen Region und Hochschule, die neue „Transferstelle Daseinsvorsorge“ setzt den Schwerpunkt auf Daseinsvorsorge in ländlich strukturierten Gebieten. 

Eine große Ehre – und Freude! - ist für die Annalise-Wagner-Stiftung, dass Herr Prof. Dr. Ernst Münch die Laudatio für Prof. Dr. Mario Niemann übernehmen wird. Er ist ein Doyen der wissenschaftlichen Forschung zur Mecklenburgischen Landesgeschichte, hat deren Entwicklung in herausragender Weise geprägt und dabei einen seiner Forschungsschwerpunkte auf mecklenburgische Agrargeschichte gelegt. Seit 2011 ist Prof. Dr. Münch Vorsitzender der Historischen Kommission für Mecklenburg, die als gemeinnütziger Verein die Erforschung der mecklenburgischen Landesgeschichte fördert.

Im Rahmenprogramm wird der Rostocker Hinstorff Verlag Bücher-(Wieder-)Entdeckungen bereithalten, die aus seiner 190jährigen Geschichte als einer der ältesten Verlage im deutschsprachigen Raum erzählen. Dazu gehören nun auch drei Titel, die mit dem Annalise-Wagner-Preis ausgezeichnet wurden (im Jahr 2000, 2009, 2021).

Herzlich lädt die Annalise-Wagner-Stiftung alle Interessierten zur Preisverleihung ein. Der Eintritt ist frei, wer dabei sein möchte, kann sich ab sofort anmelden bei der Geschäftsstelle der Annalise-Wagner-Stiftung, am besten per Email an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.

 

 

[1] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

[2] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

[3] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

[4] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

[5] Mario Niemann, www.annalise-wagner-stiftung.de

[6] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

[7] Begründung der Jury zur Vergabe des 30. Annalise-Wagner-Preises

29. Annalise-Wagner-Preis

Cover Dr. Elke Pretzel, Foto: privat
COVER © Steffen Media Dr. Elke Pretzel © privat

Dr. Elke Pretzel:
Eine gebrochene Sammlung.
Die Städtische Kunstsammlung in Neubrandenburg (1890-1945)

Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges verlustig gegangenen Sammlung als Beispiel für Kulturgutverluste kleinerer Museen in Mecklenburg

Dissertation, Philosophische Fakultät der Universität Greifswald, 2019
Friedland : Steffen Media, 2020  (Edition Lesezeichen)   ISBN 978-3-941681-61-3

631 S. : zahlreiche Abbildungen
Enth. u. a. Quellennachweis S. 326-376, autorisierte Gesprächsprotokolle S. 377- 397, Katalog der zurückerlangten Werke der Städtischen Kunstsammlung S. 398-629

 

Der 29. Annalise-Wagner-Preis wird unterstützt von
der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH
und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.
Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt herzlich!

 

„Kultur trotzt Corona“: Die Annalise-Wagner-Stiftung vergibt auch in diesem Jahr den mit 2500 Euro dotierten Annalise-Wagner-Preis an einen hervorragenden Text mit Bezug zur Region Mecklenburg-Strelitz im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Unterstützt wird die Vergabe von der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

Aus 69 Bewerbungen und Vorschlägen hat die Jury im Jahr 2020 zum 3. Mal in der Stiftungsgeschichte eine Hochschulschrift ausgewählt. Ausgezeichnet wird die kunstwissenschaftliche Dissertation von Dr. Elke Pretzel aus Jürgenstorf im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Sie setzt sich auseinander mit dem Thema: „Eine gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945) ; Rekonstruktion der während des Zweiten Weltkrieges verlustig gegangenen Sammlung als Beispiel für Kulturgutverluste kleinerer Museen in Mecklenburg“. Die Publikation ist Bestandteil des Promotionsverfahrens an der Universität Greifswald, lag der Jury im Manuskript vor und wurde im Juni 2020 veröffentlicht in der „Edition Lesezeichen“ bei Steffen Media (ISBN 978-3-941681-61-3).

Diese Dissertationsschrift ist eine „im allerbesten Sinne grundlegende Arbeit“ von „exemplarischer Qualität“, in der sich kunstwissenschaftliche wie gesellschaftliche „Relevanz und Aktualität“ verbinden. „Auf der Grundlage langjähriger und akribischer empirischer Forschungen, durchgehend faktenbasiert und methodisch breit aufgestellt“ macht sie eine „verlorene Kunstsammlung wieder sichtbar“: Sie gibt der vor 130 Jahren gestifteten, vor 75 Jahren am Kriegsende verschollenen, bis vor 30 Jahren fast vergessenen historischen „Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg“ (1890-1945) „wieder ein Gesicht“. [1]

Blick in die Ausstellungsräume der Städtischen Kunstsammlung, Palaisstraße 2, um 1913. Abb enth. in: Neubrandenburg und Umgebung, um 1913, S. 32., Foto: Franz Neitzel, Neubrandenburg um 1913
Fragment eines weiblichen Kopfes, 1890–1910. Foto: Bernd Kuhnert, Berlin 2012 Couvert der Testamentsurkunde von Henry Stoll, 25.4.1890. Amtsgericht Neubrandenburg, So, 1888, 294, C. 

Trotz schwieriger Quellenlage zeichnet die Autorin mit Präzision und mit weitem kulturgeschichtlichem Blickwinkel ein farbiges, nuancenreiches, komplexes Bild von 55 Jahren „gebrochener Geschichte“ dieses Neubrandenburger Kunstmuseums, in dem sich die Brüche der Zeitgeschichte widerspiegeln. Dabei spielt auch die zwischen 1945 und 1990 „gebrochene Erinnerung“ an den kriegsbedingten materiellen und ideellen Kulturgutverlust eine wichtige Rolle und es geht um Probleme und Chancen von Erforschung, Rekonstruktion und neuer Verankerung dieser „Kunst-Geschichte(n)“ im „Gedächtnis“ von Stadt und Region.

Überraschend detailreich entdeckt der Leser, wie diese Kunstsammlung von zwei Neubrandenburger Bürgern gestiftet wurde und sich entwickelte, welche materiellen bzw. künstlerisch-ästhetischen Werte sowie bürgerschaftliche Traditionen sie in die Stadtgesellschaft einbrachten, welche Fakten den Verlust der Sammlungsobjekte am Kriegsende belegen und welche Rolle dieser Verlust nach 1945 in der städtischen Erinnerungskultur spielte. Leuchtkraft und Ausstrahlung erhält dieses Bild durch weit gefasste zeitgeschichtliche und regionalhistorische, kunst-, museums- und kulturgeschichtliche Kontexte.

Zur kunstwissenschaftlichen Rekonstruktion dieser „verlorenen Neubrandenburger Sammlung“ gehört die Auseinandersetzung mit dem Thema „kriegsbedingt vermisste Kulturgüter“. Ein berührender Blick in die 1945 „abgebrochene“ Geschichte“ öffnet sich u. a. mit dem „Katalog der zurückerlangten Werke“, der den „Scherben-Fund von 2006“ erschließt. Eindrücklich wird vermittelt, dass diese physisch zerstörten Objekte eine „hohe ideelle und moralische Botschaft in sich tragen“, in ihren Brüchen und Verletzungen das „Sichtbarmachen der eigenen Geschichte“ ermöglichen und ihre Aufnahme in die Dauerausstellung der heutigen Kunstsammlung Neubrandenburg ein Stück „zurückgewonnene Identität“ [2] bedeutet.

Die Dissertationsschrift von Dr. Elke Pretzel gehört zu den ersten, die „gebrochene Geschichten“ und kriegsbedingte Kulturgutverluste speziell von kleineren Museen und Kunstsammlungen in Mecklenburg und in Ostdeutschland wissenschaftlich beleuchten. Sie kann „zum Bezugspunkt werden für weitere regional oder überregional angelegte Studien, die bisher weitestgehend fehlen[3] - und „als erfolgreiches Modellbeispiel … eine Ermutigung und Handreichung für kleinere Museen mit ähnlich schwieriger Quellenlage“ [4] sein.

Auch über den kunstwissenschaftlichen Rahmen hinaus kann dieser wissenschaftliche Text viele Interessierte erreichen, weil es der Autorin gelingt, das akribisch mit Fakten untermauerte Bild der Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg so farbig auszumalen, logisch aufzubauen und gut verständlich zu beschreiben, dass der Leser leicht und fasziniert Zugang findet.

So können diese „Kunst-Geschichte(n)“ insbesondere in Neubrandenburg „neue Impulse“ geben für die „Wahrnehmung eigener (Kultur-)Geschichte als „Facette der städtischen Identität“[5] oder für die Auseinandersetzung mit der „gebrochenen Geschichte“ der städtischen Zivilgesellschaft. Sie erzählen nicht zuletzt vom Wert und von Wertschätzung des Bürgerengagements für Kunst und Kultur in Neubrandenburg, von gemeinnützigen Stiftungen und Stifterpersönlichkeiten oder der Tradition des Kunstvereins. Das sind Aspekte, die auch in Annalise Wagners Publikationen zur Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg eine besondere Rolle spielten, die wiederum zu den „wichtigen und verlässlichen Quellen“ für das Engagement von Dr. Elke Pretzel gehören.

Im Thema „Bürgerengagement“ schließt sich auch ein Kreis zur Autorin.

Dr. Elke Pretzel ist seit 1988 wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Kunstsammlung Neubrandenburg, die 1981 neu begründet wurde. Nach 1990 nahm diese Institution die Suche nach Informationen zu Geschichte und Kulturgutverlusten ihrer historischen Vorgänger-Einrichtung auf und erinnert heute in ihrer Dauerausstellung daran. Elke Pretzels Forschungen fußen im dienstlichen Auftrag, doch die akribische, schwierige Spurensuche führten sie weit darüber hinaus.

Regelmäßig veröffentlichte sie ihre Forschungsergebnisse zur „Geschichte einer verlorenen Sammlung“ (2001, 3. Aufl. 2012), übernahm ab 2003 die Zusammenarbeit mit der Datenbank Lost Art der Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste / Deutsches Zentrum für Kulturgutverluste und gab das „Verzeichnis der kriegsbedingt vermissten Gemälde, Grafiken, Porzellanarbeiten und Skulpturen …“ heraus (2004, korrigiert 2013). Als 2006 die „Scherben-Funde“ als Überreste der historischen Städtischen Kunstsammlung identifiziert werden konnten, initiierte sie eine Erstausstellung der Funde, begleitete wissenschaftlich die sensible, sichtbare Rekonstruktion einzelner Figuren, kuratierte das 2014 eröffnete Ausstellungskabinett mit „verletzten Neubrandenburger Fragmenten“ und inspirierte das „Brandzimmer“, eine Rauminstallation des Künstlers des Künstlers Simon Schubert, die seit 2018 als Teil der Dauerausstellung eindrucksvoll an den Verlust der historischen Kunstsammlung erinnert. Der „Scherben-Fund“ wurde auch zum Auslöser von Elke Pretzels Entscheidung, den aktuellen Forschungsstand zur Geschichte der „Städtischen Kunstsammlung Neubrandenburg“ und ihren Kulturgutverlusten wissenschaftlich in Form einer Dissertation aufzuarbeiten.

Ihr Engagement für die „verlorene Sammlung“ wurde zur Herzenssache und ein Stück weit zur Lebensaufgabe, die „nebenberufliche“ Promotion „mit über Fünfzig“ zu einer Herausforderung, deren Ergebnis mit „magna cum laude“ eine sehr gute wissenschaftliche Bewertung fand. 

Den Bürgerengagement-Gedanken lebt Dr. Elke Pretzel aktiv auch über ihren Einsatz für die „gebrochene Sammlung“ hinaus: Sie engagiert sich seit 1990 als Vorstandsmitglied des Freundeskreises der Kunstsammlung Neubrandenburg und seit 2006 im Vorstand der Mertens-Günteritz-Stiftung. Ganz andere Seiten der Stadtkultur bringt sie im Verein JazzConnection e.V. zum Klingen, ab 2013 als Festivalleiterin des „Neubrandenburger Jazzfrühlings“. Seit 2011 ist sie Mitglied der Hauptversammlung der Mecklenburgischen Versicherungsgruppe.

 

Jurybegründung (Download als PDF)

Presseinformation, lang (Download als PDF)

Presseinformation, kurz (Download als PDF)

 

Presse (Auswahl)

Helga Klehn: Das Beste für die Kunst. Eine Frau mit Beharrlichkeit und Begeisterung: Elke Pretzel. – Kulturkalender Mecklenburg-Vorpommern 03 (2021). – S. 43 (PDF)

Susanne Schulz: Vom Scherbenhaufen zum Lebenswerk: „Eine gebrochene Sammlung“ heißt die Doktorarbeit, die Elke Pretzel über eine tiefe Wunde der Region geschrieben hat… – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2020-06-13/14). – S. 22 (Download als PDF)

Susanne Schulz: Vom Scherbenhaufen zum Lebenswerk ... - In: Nordkurier : Stadtmagazin Neubrandenburg (Juli 2020). – S. 24-25 (Download als PDF)

Verleihung des Annalise-Wagner-Preises. – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2020-09-23) s. 13 (PDF

Preisverleihung

Die öffentliche Verleihung des 29. Annalise-Wagner-Preises
fand statt am europäischem „Tag der Stiftungen“, dem 1. Oktober 2020, im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Annalise Wagners Heimatstadt Neustrelitz.

Einladung (PDF), Anmeldung (PDF)

Entsprechend der Vorschriften zur Eindämmung der Corona-Pandemie war die Zahl der zulässigen Besucher eng begrenzt auf wenige Gäste aus dem engsten Familien- und Freundeskreises der Preisträgerin. Ein besonderes Zeichen der Wertschätzung setzten mit ihrer Teilnahme der Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg, Herr Silvio Witt, der Bürgermeister der Stadt Neustrelitz, Herr Andreas Grund, sowie der Geschäftsführers der Neubrandenburger Stadtwerke GmbH, Herr Ingo Meyer.

Eine Ehre und Freude war für Preisträgerin wie Stiftung,
dass ein herausragender Kunsthistoriker mit den Forschungsschwerpunkten Provenienzforschung und Museumsgeschichte
die Laudatio für Dr. Elke Pretzel hielt:

Herr Prof. Dr. Gilbert Lupfer

ist seit Mai 2020 hauptamtlicher Vorstand der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste. Diese Stiftung des Bundes, der Länder und der kommunalen Spitzenverbände ist national und international der zentrale Ansprechpartner zu Fragen unrechtmäßiger Entziehungen von Kulturgut, das sich heute in Sammlungen deutscher kulturgutbewahrender Einrichtungen befindet. Es fördert unterstützt und vernetzt Provenienzforschung. Das Hauptaugenmerk des Zentrums gilt dem im Nationalsozialismus verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgut, insbesondere aus jüdischem Besitz (sog. NS-Raubgut). Daneben zählen kriegsbedingt verlagerte Kulturgüter (sog. Beutegut) sowie Kulturgut-verluste während der sowjetischen Besatzung und in der DDR zu den Handlungsfeldern. Seit April 2018 befasst sich das Zentrum zudem mit Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten und fördert auch in diesem Bereich Forschungsprojekte.

Herr Prof. Dr. Lupfer ist seit 2002 Mitarbeiter der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, ab 2008 Leiter des »Daphne«-Projektes für Provenienzforschung, Erfassung und Inventur; ab 2013 auch Leiter der Abteilung Forschung und wissenschaftliche Kooperation. Seit 2007 wirkt er zudem als außerplanmäßiger Professor für Kunstgeschichte am Institut für Kunst- und Musikwissenschaft der TU Dresden.

Prof. Dr. Lupfers Engagement für den 29. Annalise-Wagner-Preis setzt am „Tag der Stiftungen“, dem 1. Oktober 2020, ein außergewöhnliches Zeichen für den Stiftungsgedanken, für die Vielfalt und Nachhaltigkeit von Stiftungsengagement von „ganz großen“ wie „ganz kleinen“ Stiftungen in Deutschland. Eine wunderbare Facette des Mottos des Stiftungstags 2020: „Wir zusammen“!

 

Laudatio von Herrn Prof. Dr. Gilbert Lupfer (PDF)

Dankwort von Dr. Elke Pretzel (PDF)

 

Die Musiker Torsten Harder und Holm Heinke begleiteten die Preisverleihung mit stimmigen musikalischen Improvisationen.
Eine Zeitreise in die Geschichte der historischen Neubrandenburger Kunstsammlung sowie ihrer Erforschung ermöglichte der NDR-Film „Die verschwundene Kunstsammlung“ von Martina Gawaz, (Sendung am 9. 9. 2007 im Nordmagazin).
Die aktuelle Sonderausstellung des Kulturquartiers Mecklenburg-Strelitz setzte einen besonderen „Kunst-Akzent“ auf das Nachdenken über die „Zukunft des Erinnerns“. Die dritte Ausstellung des Archivs Bildende Kunst Mecklenburgische Seenplatte präsentiert unter dem Titel „Lebenszeichen“ Malerei und Grafik des Künstlers Wolfram Schubert – und spannte so rote Fäden zu Neubrandenburger Zeit-sowie Kultur-und Kunstgeschichte.

 



[1] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises
[2] Elke Pretzel: Eine Gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945) S.
[3] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises
[4] Elke Pretzel: Eine Gebrochene Sammlung. Die Städtische Kunstsammlung Neubrandenburg (1890-1945), S. 325
[5] Begründung der Jury zur Vergabe des 29. Annalise-Wagner-Preises

28. Annalise-Wagner-Preis

Reinhard Simon:
Domjücher Schicksale: Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus

Spica Verlag, 2019
ISBN 9783946732549

Der 28. Annalise-Wagner-Preis wird gefördert von der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft NEUWOGES mbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.
Die Annalise-Wagner-Stiftung dankt herzlich!

 

Aus 73 Vorschlägen und Bewerbungen wählte die Jury einstimmig zur Auszeichnung mit dem 28. Annalise-Wagner-Preis aus die als Manuskript vorgelegte Dokumentation „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Reinhard Simon aus Neustrelitz. Auf der Grundlage dieses Manuskripts erschien nach Abschluss der Jury-Arbeit die Publikation „Domjücher Schicksale: Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ (ISBN 9783946732549).

Diese Dokumentation gehört zu den verdienstvollen Publikationen zur regionalen Geschichte, Kultur- oder Naturgeschichte, die als Ergebnis von Bürgerforschung im Ehrenamt (Citizen Science) entstehen. Und sie ist ein Beispiel für „kleine Texte“ mit großem Potential als Impulsgeber für lebendige demokratische Erinnerungskultur, aktives bürgerschaftliches Engagement und gesellschaftlichen Diskurs in der Region.

Reinhard Simon lebt in Neustrelitz und ist Verwaltungsangestellter im Naturschutzbereich. 2015 las er einen Artikel über die nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde an psychisch kranken oder behinderten Menschen aus psychiatrischen Einrichtungen in Mecklenburg. Und erfuhr: Auch an einem historischen Ort „vor der Haustür“ spielte dieses dunkle Kapitel der Regionalgeschichte, in der „Heil- und Pflegeanstalt Domjüch“ am Domjüchsee bei Neustrelitz.

Die Domjüch“ ist ein mehrschichtiger, regional einzigartiger, doch noch immer kaum bekannter Erinnerungsort im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Hier wurde 1902 die „Großherzogliche Landesirrenanstalt“ als moderne psychiatrische Einrichtung begründet, 1934 als „Heil- und Pflegestätte“ weitergeführt, 1943 aufgelöst und als Tuberkuloseheilanstalt genutzt. 1945 bis 1993 waren auf dem Gelände Truppen der sowjetischen Streitkräfte stationiert – und der unzugängliche Ort wurde zu einem „weißen Fleck“ in der Erinnerungslandschaft. Diese Lücken begann 2001 die Neustrelitzer Stadtarchivarin Christiane Witzke zu füllen mit ihrem bahnbrechenden historischen Abriss „Domjüch – Erinnerungen an eine Heil- und Pflegeanstalt in Mecklenburg-Strelitz“, der mit dem Annalise-Wagner-Preis 2002 ausgezeichnet wurde.

Die „Euthanasie“-Morde waren die ersten NS-Massenmorde. Zwischen 1939 und 1945 wurden auf der Grundlage der rassistischen nationalsozialistischen Ideologie hunderttausende psychisch kranke, geistig bzw. körperlich behinderte oder sozial auffällige Männer, Frauen und Kinder als „minderwertig“ und „lebensunwert“ diskriminiert, zwangssterilisiert und / oder planmäßig getötet. Das medizinische Personal wurde dafür ideologisch geschult in der „Führerschule der Deutschen Ärzteschaft“ im mecklenburgischen Alt Rehse. Diesem Medizinverbrechen fielen auch hunderte Menschen aus den mecklenburgischen „Heil- und Pflegeanstalten“ Sachsenberg-Lewenberg und Domjüch sowie der Psychiatrischen Klinik Rostock-Gehlsheim zum Opfer.

Reinhard Simon engagiert sich dafür, möglichst vielen Opfern der „Euthanasie“-Morde aus „der Domjüch“ ihren Namen zurück zu geben – und damit ein Zeichen zu setzen für die Einzigartigkeit jeder Persönlichkeit und für die Würde jedes Menschen.

2015 wurde er Mitglied im „Verein zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrensanstalt e.V.“ und initiierte 2016 eine Erinnerungsstätte für Opfer von Zwangssterilisationen und „Euthanasie“-Morden aus der Domjüch. Er unterstützt den virtuellen Gedenk- und Informationsort www.gedenkort-t4.eu und sucht ehrenamtlich immer weiter nach Namen und biografischen Zeugnissen.

„Für mich ist es das Wichtigste“, schreibt Reinhard Simon, „die Opfer dieser menschenverachtenden Vernichtung psychisch und körperlich Kranker nicht zu vergessen und alles dafür zu tun, dass diese Verbrechen nie wiederholt werden. Dazu möchte ich auch mit diesem Buch beitragen.“[1]

In seiner Publikation veröffentlicht Reinhard Simon nun zum ersten Mal alle 62 bisher bekannten Namen der NS-Opfer aus „der Domjüch“ – und verankert sie auf diese Weise nachhaltig im „Gedächtnis der Region“.

Am regionalen Beispiel spannt die Dokumentation seiner Spurensuche einen Bogen vom „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (14. Juli 1933) zu den „Euthanasie“-Patientenmorden in der „Aktion T4“ (1940-1941) und bis ins Jahr 1945.

Der Autor entwirft ein – für die schwierige Quellenlage – erstaunlich plastisches Bild davon, „was sich in der dunklen Zeit auf der Domjüch abgespielt haben könnte“[2]. Dabei beschreibt er u. a. erstmals, wie das sogenannte „Erbgesundheitsgericht“ arbeitete, das ab 1934 dem Amtsgericht Neustrelitz angegliedert war und über Zwangssterilisationen in Mecklenburg-Strelitz entschied.

Berührend ist sein konsequent biografischer Ansatz: Reinhard Simon erzählt von den NS-Verbrechen anhand von Einzelschicksalen, soweit möglich mit biografischen Lebensskizzen, aber auch anhand kleinster Lebensspuren. Akribisch suchte er danach in den wenigen erhaltenen Krankenakten, in Transportlisten oder Todesanzeigen, in Gesprächen mit Zeitzeugen oder Angehörigen, in wissenschaftlichen Publikationen und Gedenkstätten, in deutschen und polnischen Archiven.

An den Schicksalen von Kurt Kühn und Max Gabriel wird deutlich, wie das „Erbgesundheitsgericht“ Neustrelitz Zwangssterilisationen an 70 Männern und 52 Frauen aus der Domjüch festsetzte. Biografien von beteiligten Richtern und Ärzten aus Neubrandenburg, Neustrelitz und der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch machen sichtbar, wer als Täter Verantwortung trug.

Ab 1934 erzählen Lebensgeschichten von Ernst Niemax aus Strasen, Petronella Lukaitis aus Litauen oder Anna Ziolkowski aus Weisdin von drastisch reduzierten Pflegesätzen, sinkenden Finanzmitteln und häufigen Patientenverlegungen in den drei mecklenburgischen psychiatrischen Anstalten. Jedes dieser drei Menschenleben endete 1941 mit der Ermordung. Fast vollständig rekonstruieren konnte Reinhard Simon die Lebensgeschichte von Anna Ziolkowski, die „unangepasst war und ihre eigene Vorstellung vom Leben hatte. Es reichte aber aus, um ihrem Leben gewaltsam ein Ende zu setzen.“[3].

Wie mit Beginn des Zweiten Weltkriegs die rassistisch motivierte Diskriminierung von kranken und behinderten Menschen zum systematischen, organisierten Töten von Patienten in den „Euthanasie“-Morden führt, belegt Reinhard Simon z. B. mit den Schicksalen Alma Franke aus Menz, dem ersten Domjücher „Euthanasie“-Opfer oder mit dem - einzigen erhaltenen -  „T4-Meldebogen“ für Max Gabriel.

Die Erinnerung an das kurze Leben von Else Reglin aus Carwitz öffnet die Augen für das lange Vergessen und Verschweigen, das diese NS-Opfer fast schon aus auch dem „Gedächtnis der Region“ löschte: Erst 2016 erfuhren Verwandte, dass sie zu den ersten Opfern der „Aktion T4“ aus Mecklenburg gehörte. Reinhard Simon verdeutlicht mit Zeitzeugenberichten und historischen Spuren, was gefälschte Sterbeurkunden verschleiern sollten: Else Reglin wurde wie etwa 100 weitere Patienten „der Domjüch“  am 11. Juli 1941 von Neustrelitz in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht und dort am selben Tag ermordet. Es war der „erste Tötungstransport psychisch Kranker aus Mecklenburg“[4]. 

Mit Lebenswegen von Magdalena Rieck aus Neustrelitz, Helma Sittnick aus Neubrandenburg oder des 15jährigen Harry Barthelt aus Stavenhagen erinnert Reinhard Simon an Patienten „der Domjüch“, die nach Auflösung der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch (1943) von psychiatrischen Anstalten wie Sachsenberg-Lewenberg, Rostock-Gehlsheim, Kückenmühle oder Meseritz-Obrawalde aus in den Tod geschickt wurden.

Reinhard Simons Dokumentation ersetzt nicht die Auseinandersetzung mit der wissenschaftlichen medizingeschichtlichen Forschung zur Heil- und Pflegeanstalt Domjüch in der NS-Diktatur. Doch in einer Zeit, in der die Erinnerung an das Geschehen vor mehr als 80 Jahren in das „kulturelle Gedächtnis“ übergeht, kann diese Publikation etwas ganz Besonderes:

Sie kann durch ihre im doppelten Sinne „leichte Zugänglichkeit“ und durch ihren berührenden biografischen Ansatz viele Menschen in der Region erreichen und aufmerksam machen auf lange vergessene NS-Opfer und auf den wenig bekannten Erinnerungsort an NS-Gewaltverbrechen am Domjüchsee. Sie widerspiegelt und sie ist aktives „Bürgerengagement gegen das Vergessen“ – und sie regt dazu an, dafür selbst aktiv zu werden. Sie ist eine engagierte, persönliche Form lebendigen Erinnerns an ein dunkles Kapitel der Regionalgeschichte, das uns heute Wichtiges zu sagen hat – und sie fordert indirekt, leise, aber nachdrücklich dazu heraus, sich Gedanken zu machen über Menschenwürde, Menschenrechte und medizinethische Fragen.

Deshalb möchte die Jury gerade an diesem Beispiel ein Zeichen setzen für Anerkennung und Wertschätzung regionalgeschichtlicher Bürgerforschung im Ehrenamt und für die dabei entstehenden Publikationen. Diese vielfältigen - manchmal „kleinen“ - Publikationen“ sind es, die im kulturellen Gedächtnis der Region anregende, bunte Akzente setzen, Regionalgeschichte wie Erinnerungskultur zu einem lebendigen Prozess machen und dabei eine Facette zum Leuchten bringen, die auch Annalise Wagner vorlebte: aktives, engagiertes, nachhaltiges Bürgerengagement für das „Gedächtnis der Region“.

Welche Fragen die Erinnerung an die „Euthanasie“-Morde der NS-Diktatur heute stellen, berührt wichtige Themen des gesellschaftlichen Diskurses, u. a. auch vor dem aktuellen Hintergrund von 70 Jahren Grundgesetz, 71 Jahren Erklärung der Allgemeinen Menschenrechte, 10 Jahren UN-Behindertenrechtskonvention, den Warnungen vor zunehmenden Rassismus und Antisemitismus in Deutschland – und nicht zuletzt: in Erinnerung an die zentrale Gedenkveranstaltung „Erinnern, Betrauern, Wachrütteln“ für die Opfer von „Euthanasie“ und Zwangssterilisierungen, die am 27. Januar 2019 in der Region, in der Erinnerungs-, Bildungs- und Begegnungsstätte Alt Rehse und im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg stattfand.

Reinhard Simon

wurde 1963 in Neustrelitz geboren. Er ist Diplomagrarpädagoge, war Lehrer in der Betriebsberufsschule des Volkseigenen Gutes Groß Vielen und arbeitet seit 1990 in der Verwaltung des Kreises Neustrelitz bzw. des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte. In der Freizeit engagiert er sich u. a. für Naturschutz und Heimatgeschichte sowie seit 2015 im „Verein zum Erhalt der Domjüch – ehemalige Landesirrenanstalt e.V.“ 2007 war Reinhard Simon Preisträger des Erwin-Hemke-Preises „Forschen-schreiben-schützen“.

 

Jurybegründung (Download als PDF)

Presseinformation (Download als PDF)

Presse (Auswahl)

Lemke, Tobias: Annalise-Wagner-Preis 2019 vergeben. – In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019 -06-06). – S. 13 (PDF)

Dunkles Kapitel der Regionalgeschichte : Neustrelitzer erhält Annalise-Wagner-Preis für Dokumentation über „Euthanasie“-Morde. – In: Mecklenburg-Strelitz-Blitz am Sonntag (2019-06-09). – S. 1 (PDF)

Goetsch, Anke: Annalise-Wagner-Preis für „Domjücher Schicksale“. – In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2019-06-28). – S. 15 (PDF)

Goetsch, Anke: Preis für den Text über Domjücher Schicksale. - In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019-06-28). – S. 14 (PDF)

Susanne Schulz: Hobbyforscher legt Grundstein für mehr. - In: Nordkurier : Neubrandenburger Zeitung (2019-07-01). - S. 15 (PDF)

Susanne Schulz: Hobbyforscher legt Grundstein für mehr. - In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2019-07-02). - S. 14 (PDF)

 

 

Preisverleihung

Der 28. Annalise-Wagner-Preis ist mit 2.500 Euro dotiert.
Die Preisvergabe wurde gefördert von der Neubrandenburger Wohnungsgesellschaft NEUWOGES mbH und dem Landkreis Mecklenburgische Seenplatte.

Die öffentliche Verleihung des 28. Annalise-Wagner-Preises fand statt am 28. Juni 2019 um 18 Uhr in der Regionalbibliothek Neubrandenburg.

Einladung Preisverleihung (PDF)

Die Laudatio für Reinhard Simon hielt Dr. rer. hum. Kathleen Haack, Arbeitsbereich Geschichte der Medizin an der Universitätsmedizin Rostock und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Nervenheilkunde DGGN. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören u. a. Verbrechen an psychisch Kranken und Behinderten in Mecklenburg und Pommern in der Zeit des Nationalsozialismus.

Laudatio von Dr. Kathleen Haack (PDF)

Dankwort von Reinhard Simon (PDF)

Schauspieler Michael Kleinert und Musiker Michael Rappold eröffneten die Veranstaltung mit einer Text-Klang-Collage zum Preisträger-Text.

Am Nachmittag konnte die Regionalbibliothek im Rahmen einer Bibliotheksführung mit Bibliotheksleiterin Angelika Zillmer „auf den Spuren von Annalise Wagner“ erkundet werden.

 

[1] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[2] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[3] „Wenn Sie Ihren Sohn noch einmal sehen wollen …“ : Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Domjüch bei Neustrelitz in der Zeit des Nationalsozialismus“ / von Reinhard Simon. – Manuskript, 2019. - o.S.
[4] Kathleen Haack, Ekkehardt Kumbier: Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Aktion in Mecklenburg : ein Überblick. – In: Zeigeschichte regional 19(2015)1 S. 42

9. Lobende Anerkennung für junge Autoren / Annalise-Wagner-Jugendpreis 2018

Der 9. Annalise-Wagner-Jugendpreis geht an den 17jährigen Marvin Wils aus Neustrelitz für sein Manuskript „Das Cursor-Vermächtnis“.
   
Marvin Wils
Marvin Wils   © Marvin Wils
 
Zum ersten Mal geht der Annalise-Wagner-Jugendpreis an einen Belletristik-Text aus dem Genre Phantastik. Marvin Wils, Schüler des Gymnasium Carolinum in Neustrelitz,  entwirft im Manuskript seines Fantasy-Romans „Das Cursor-Vermächtnis“ eine phantastische Welt und verhandelt in einem packendem, genrespezifischen Plot mit jugendlichen Helden höchst aktuelle Fragen nach der Ambivalenz von „Gut und Böse“. „Mit den unzähligen phantastischen Welten auf dem Buchmarkt kann das Manuskript von Marvin Wils sich durchaus messen lassen: genrespezifische Charakteristika beherrscht der 17jährige Autor souverän.“ (Dr. Gundula Engelhardt, Laudatio)
 
Das Manuskript von Marvin Wils widerspiegelt das große Interesse am Phantastischen, am Genre Fantasy sowohl in der Jugend-  als auch Mehrgenerationen-Literatur. Es ist beeindruckend umfangreich, vermittelt die Freude des jungen Autoren an der Auseinandersetzung mit der Kraft von Phantasie und dem kreativen Experimentieren mit Sprache und Text. Die Annalise-Wagner-Stiftung möchte mit dieser Preisvergabe Jugendliche ermutigen, ihre ganz individuelle Kreativität auch auf künstlerischen Feldern auszuprobieren, sich mit den Herausforderungen literarischen Schreibens auseinander zu setzen, eigene Erfahrungen zu sammeln und dafür Wertschätzung zu erfahren.
Die Vergabe des 9. Annalise-Wagner-Jugendpreises wurde gefördert durch eine Spende der Werbe-Licht Dr. Jahn GmbH Neubrandenburg.
Die öffentliche Preisverleihung fand am 30. Juni 2018 im Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz in Neustrelitz statt.

Einladung Preisverleihung (PDF)

Laudatio für Marvin Wils (PDF)
Dr. Gundula Engelhard, Mecklenburgische Literaturgesellschaft e.V.

Dankwort von Marvin Wils (PDF)   

Presse (Auswahl)
Annalise-Wagner-Preis (und Annalise-Wagner-Jugendpreis) 2018 wird vergeben. – In: Strelitzer Echo (2018-06-23). – S. 5  (PDF)
Block, A.: Sein Roman hat einen Preis geholt. – In: Nordkurier : Strelitzer Zeitung (2018-07-10) S. 15 (PDF)

Marvin Wils: Das Cursor-Vermächtnis (Manuskript, Textauszug) (PDF)

Gudrun Mohr: Annalise Wagner (1903-1986)

Quelle:  Mecklenburg-Strelitz: Beiträge zur Geschichte einer Region / zusammengestellt u. bearbeitet von Frank Erstling... - Friedland : Verl. Druckerei Steffen, 2001

Ihrer Heimatstadt Neustrelitz nach dem Verlust des Landesarchivs (1934), des Landesmuseums (1945) und der Landesbibliothek (1950) ein "historisches Gedächtnis" wiederzugeben, war das erklärte Lebensziel Annalise Wagners. Trotz vieler Widrigkeiten, die sich ihr dabei in den Weg stellten, ist sie mit der Gründung des Karbe-Wagner-Archivs und des neuen Stadtmuseums diesem Ziel nahe gekommen, womit sich die Heimatforscherin, Sammlerin und Autorin bleibende Verdienste erwarb.

Annalise Wagner wurde am 19.6.1903 in Neustrelitz als drittes von fünf Kindern des Druckereibesitzers Otto Wagner und seiner Frau Ella geboren. Von 1908 bis 1918 besuchte sie verschiedene Schulen in Neustrelitz und nahm dann eine Lehre im väterlichen Betrieb auf. Von 1919 bis 1927 war sie in Angestelltenverhältnissen in Hamburg, Berlin, München, Leipzig tätig, eine Zeit, die sie gern als "meine Universitäten" bezeichnete. Das reichhaltige Kulturleben dieser deutschen Zentren nutzte sie für ihre persönliche Weiterbildung und für autodidaktische Studien. Dabei entwickelte sie ein bemerkenswertes "literarisches Gegenwartsgefühl", welches noch heute ihre umfangreiche Bibliothek bezeugt, und suchte Kontakt zu namhaften Künstlern und Schriftstellern der Zeit, beispielsweise zu Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Diese Lebensphase beendete sie 1928 / 1929 mit dem Besuch der Buchhändlerlehranstalt Leipzig. 1930 kehrte sie endgültig nach Neustrelitz zurück, zuerst in den väterlichen Betrieb. Einige Jahr später übernahm sie die der Druckerei angeschlossene Buch- und Papierhandlung. Als selbstständige Buchhändlerin und Verlegerin gab sie hauptsächlich heimatkundliches Schrifttum heraus, beispielsweise 1938 Walter Karbes "Strelitzer Allerlei" und "Wanderungen durch Neustrelitz und Umgebung"

Mit dem Willen, ihr Leben nach konsequent eigenem Entwurf zu gestalten, geriet sie zwangsläufig mit den beiden deutschen Diktaturen, die ihren Lebensweg prägten, in Konflikt.

Nach dem Tode des verdienstvollen Neustrelitzer Heimatforschers Walter Karbe (1877-1956) erbte sie dessen Privatsammlungen und gründete am 6.12.1956 das Karbe-Wagner-Archivs als öffentlich nutzbares Privatarchiv.1957 ehrte sie Walter Karbe mit einer umfangreichen Biografie "Walter Karbe - der sich die Heimat erwanderte", erschienen im Hinstorff-Verlag Rostock. 1965 setzte sie die staatliche Anerkennung des Archivs durch und etablierte die "Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs", die heute bereits als "Klassiker" des heimatkundlichen Schrifttums in Mecklenburg-Strelitz gilt. An 13 Heften dieser Schriftenreihe arbeitete sie noch persönlich mit. Hier und in Hunderten von Pressebeiträgen, in Ost und West veröffentlicht, pflegte sie die Erinnerung an verdienstvolle Persönlichkeiten der Region, nahm zu Fragen der Geschichtsschreibung, des Natur- und Landschaftsschutzes, der Denkmalpflege und der Geschehnisse des Alltag Stellung. Annalise Wagner führte eine streitbare Feder, die ihr nur selten Sympathien einbrachten. Im Gegenteil. Stets am Gedanken der Einheit ihres deutschen Vaterlandes festhaltend, hielt sie trotz Verbotes vielerlei Kontakte nach Westdeutschland aufrecht. Damit geriet sie in das Visier des Staatssicherheitdienstes der DDR.

Obwohl sie 1973 Wohnhaus, Grundstück und Archiv ihrer geliebten Vaterstadt Neustrelitz schenkte und sie sogar Ehrenbürgerin wurde, folgten Behinderungen vielfältiger Art, besonders in der Publikationstätigkeit. Die damit verbundenen Querelen und Benachteiligungen empfand sie als tiefe persönliche Kränkung, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr verkraftete. Am 26.6.1986 starb Annalise Wagner vereinsamt in der Neustrelitzer Wohnung an Herzversagen. Ihrem testamentarischen Wunsche entsprechend ging ihr Nachlass an die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg. Nach der politischen Wende 1990 waren alle Voraussetzungen gegeben, die Vermächtnisse dieses Lebens zu erfüllen. Mit einem Teil des nachgelassenen Barvermögens konnten umfangreichen Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten in Museum Neustrelitz und im Karbe-Wagner-Archiv unterstützt werden. Der größere Teil bildete den finanziellen Grundstock für die "Annalise-Wagner-Stiftung", welche 1991 als erste Kulturstiftung des Landes Mecklenburg-Vorpommern durch die Stadt Neubrandenburg errichtet wurde. Der jährlich vergebene Förderpreis für heimatkundliches Schrifttum trägt nun den Namen Annalise Wagners.

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