Gudrun Mohr: Annalise Wagner (1903-1986)

Quelle:  Mecklenburg-Strelitz: Beiträge zur Geschichte einer Region / zusammengestellt u. bearbeitet von Frank Erstling... - Friedland : Verl. Druckerei Steffen, 2001

Ihrer Heimatstadt Neustrelitz nach dem Verlust des Landesarchivs (1934), des Landesmuseums (1945) und der Landesbibliothek (1950) ein "historisches Gedächtnis" wiederzugeben, war das erklärte Lebensziel Annalise Wagners. Trotz vieler Widrigkeiten, die sich ihr dabei in den Weg stellten, ist sie mit der Gründung des Karbe-Wagner-Archivs und des neuen Stadtmuseums diesem Ziel nahe gekommen, womit sich die Heimatforscherin, Sammlerin und Autorin bleibende Verdienste erwarb.

Annalise Wagner wurde am 19.6.1903 in Neustrelitz als drittes von fünf Kindern des Druckereibesitzers Otto Wagner und seiner Frau Ella geboren. Von 1908 bis 1918 besuchte sie verschiedene Schulen in Neustrelitz und nahm dann eine Lehre im väterlichen Betrieb auf. Von 1919 bis 1927 war sie in Angestelltenverhältnissen in Hamburg, Berlin, München, Leipzig tätig, eine Zeit, die sie gern als "meine Universitäten" bezeichnete. Das reichhaltige Kulturleben dieser deutschen Zentren nutzte sie für ihre persönliche Weiterbildung und für autodidaktische Studien. Dabei entwickelte sie ein bemerkenswertes "literarisches Gegenwartsgefühl", welches noch heute ihre umfangreiche Bibliothek bezeugt, und suchte Kontakt zu namhaften Künstlern und Schriftstellern der Zeit, beispielsweise zu Käthe Kollwitz und Ernst Barlach. Diese Lebensphase beendete sie 1928 / 1929 mit dem Besuch der Buchhändlerlehranstalt Leipzig. 1930 kehrte sie endgültig nach Neustrelitz zurück, zuerst in den väterlichen Betrieb. Einige Jahr später übernahm sie die der Druckerei angeschlossene Buch- und Papierhandlung. Als selbstständige Buchhändlerin und Verlegerin gab sie hauptsächlich heimatkundliches Schrifttum heraus, beispielsweise 1938 Walter Karbes "Strelitzer Allerlei" und "Wanderungen durch Neustrelitz und Umgebung"

Mit dem Willen, ihr Leben nach konsequent eigenem Entwurf zu gestalten, geriet sie zwangsläufig mit den beiden deutschen Diktaturen, die ihren Lebensweg prägten, in Konflikt.

Nach dem Tode des verdienstvollen Neustrelitzer Heimatforschers Walter Karbe (1877-1956) erbte sie dessen Privatsammlungen und gründete am 6.12.1956 das Karbe-Wagner-Archivs als öffentlich nutzbares Privatarchiv.1957 ehrte sie Walter Karbe mit einer umfangreichen Biografie "Walter Karbe - der sich die Heimat erwanderte", erschienen im Hinstorff-Verlag Rostock. 1965 setzte sie die staatliche Anerkennung des Archivs durch und etablierte die "Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs", die heute bereits als "Klassiker" des heimatkundlichen Schrifttums in Mecklenburg-Strelitz gilt. An 13 Heften dieser Schriftenreihe arbeitete sie noch persönlich mit. Hier und in Hunderten von Pressebeiträgen, in Ost und West veröffentlicht, pflegte sie die Erinnerung an verdienstvolle Persönlichkeiten der Region, nahm zu Fragen der Geschichtsschreibung, des Natur- und Landschaftsschutzes, der Denkmalpflege und der Geschehnisse des Alltag Stellung. Annalise Wagner führte eine streitbare Feder, die ihr nur selten Sympathien einbrachten. Im Gegenteil. Stets am Gedanken der Einheit ihres deutschen Vaterlandes festhaltend, hielt sie trotz Verbotes vielerlei Kontakte nach Westdeutschland aufrecht. Damit geriet sie in das Visier des Staatssicherheitdienstes der DDR.

Obwohl sie 1973 Wohnhaus, Grundstück und Archiv ihrer geliebten Vaterstadt Neustrelitz schenkte und sie sogar Ehrenbürgerin wurde, folgten Behinderungen vielfältiger Art, besonders in der Publikationstätigkeit. Die damit verbundenen Querelen und Benachteiligungen empfand sie als tiefe persönliche Kränkung, die sie bis zu ihrem Lebensende nicht mehr verkraftete. Am 26.6.1986 starb Annalise Wagner vereinsamt in der Neustrelitzer Wohnung an Herzversagen. Ihrem testamentarischen Wunsche entsprechend ging ihr Nachlass an die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg. Nach der politischen Wende 1990 waren alle Voraussetzungen gegeben, die Vermächtnisse dieses Lebens zu erfüllen. Mit einem Teil des nachgelassenen Barvermögens konnten umfangreichen Sanierungs- und Erneuerungsarbeiten in Museum Neustrelitz und im Karbe-Wagner-Archiv unterstützt werden. Der größere Teil bildete den finanziellen Grundstock für die "Annalise-Wagner-Stiftung", welche 1991 als erste Kulturstiftung des Landes Mecklenburg-Vorpommern durch die Stadt Neubrandenburg errichtet wurde. Der jährlich vergebene Förderpreis für heimatkundliches Schrifttum trägt nun den Namen Annalise Wagners.

Mohr, Gudrun: Erinnerungen an Annalise Wagner: zum 10. Todestag am 26.6.1996

Erinnerungen an Annalise Wagner : zum 10. Todestag am 26. 6. 1996. – In: Hexenprozesse und Aberglauben in Mecklenburg / Annalise Wagner. – Neustrelitz : Lenover, 1996. – S. 53 – 60

Wenn ich an meine Begegnungen mit Annalise Wagner zurückdenke, dann sehe ich uns an ihrem großen, runden Wohnzimmertisch sitzen. Sie erzählt. Die Gedanken gehen zielsicher durch die Jahrzehnte, verknüpfen mühelos Lebensläufe und Ereignisse. Ich bin still und höre ihr fasziniert zu.

Wie oft wünschte ich mir, diese hoch interessanten Informationen zu Land und Leuten aufzeichnen zu können, am besten mit einem Recorder. Niemals würde ich das alles in meinem Gedächtnis speichern und verarbeiten können, was mir da innerhalb von zwei Stunden zuflog. Aber wir sind nie dazu gekommen, eine solche Möglichkeit ernsthaft zu erwägen, und vielleicht wäre Annalise Wagner dazu auch nicht bereit gewesen. Die Erfahrung ließ sie befürchten, daß Gesagtes wieder gegen sie verwendet werden könnte. Wie sehr dieses Mißtrauen begründet war, wird jeder verstehen, der sich näher mit ihrem Lebenslauf bekanntmacht.

Ebenso in Erinnerung geblieben ist mir ihr unerschütterlicher Glaube an eine Zukunft, welche die Mauern der Ignoranz überwunden, erlittenes Unrecht gesühnt haben wird. Jedem - auch ihr - werde Gerechtigkeit widerfahren. Im Zusammenhang mit dem Erwerb ihrer Ernst-Barlach-Sammlung durch die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg schrieb sie mir 1985: "Da sich heute viele ‚Schriftsteller' anmaßen, über Barlach schreiben zu können, aber weder den großen Individualisten noch Gottsucher erkennen oder wahrhaben wollen, schreiben sie aus zeitgenössischer Tendenz drauflos ... Genauso wie sie meinen Walter Karbe belächeln und mißachten, obwohl er ein großer Sozialist war, und sein universales Wissen, das er mit größter Freigiebigkeit jung und alt fünfzig Jahre lang vermittelte in Wort, Schrift und Exponat ... Bewahren Sie mein Archiv (gemeint ist hier die Ernst-Barlach-Sammlung) vorläufig zünftig auf, bis Sie über Platz und Ordnung verfügen, auch wenn es Jahre sind. Barlach wird erst nach 1990 verstanden, vielleicht erst im neuen beginnenden Zeitalter des Wassermanns (ab 2000). Sie werden es noch erleben !"

Als ich zu DDR-Zeiten einmal einen sachlicheren Umgang mit Annalise Wagner, ihrem Können und Wollen, einforderte, hieß es: "Die Wagner ist eine Kommunistenhasserin, mit der kann man nicht umgehen:" Und kurz nach der Wende verstieg sich ein anderer in die Behauptung, Annalise Wagner sei eine aktive Nazi-Parteigängerin gewesen. Pastor Winfried Wegener dagegen schilderte sie in seiner Predigt zur Trauerfeier am 1. Juli 1986 als einen Menschen, "der nicht schnell kompromißbereit war. Sie war eine Kämpfernatur. Aber gerade in ihrer kompromißlosen Haltung konnte sie Werte erarbeiten und erhalten, die für die Geschichte des Strelitzer Landes und darüber hinaus von Bedeutung sind. Der Wert eines Menschen wird nicht darin liegen, daß er sich beliebt gemacht hat, sondern daß er sich selbst und der Verantwortung vor Gott treu geblieben ist."

Annalise Wagners Lebenslauf berührte kaum die großen Schauplätze deutscher Geschichte, trotzdem ist diese in ihrem Leben allgegenwärtig gewesen mit Hoffnungen, Irrtümern, Enttäuschungen, wieder Hoffnung, wieder Enttäuschung - betroffen wie viele andere ihrer Generation.

Annalise Wagner wurde als drittes Kind der Drucker- und Buchhändler - Familie Wagner am 19. 6. 1903 in Neustrelitz geboren. In der Kinder- und Jugendzeit und auch während der ersten Lehrjahre im Betrieb der Eltern lebte sie in dem Haus, in welchem sich heute das von ihr initiierte Stadtmuseum und (im Hofgebäude) das von ihr gestiftete Karbe-Wagner-Archiv befinden.

Hamburg, Leipzig, München, Berlin waren weitere Stationen auf ihrem Weg. Als aufgeschlossener und vielseitig interessierter junger Mensch empfing sie hier unendlich viele geistige Anregungen. "So sah ich in meinen Lehr- und Wanderjahren als große Freundin des Theaters Schauspiele von Ibsen, Sudermann, Hauptmann, später Friedrich Wolf, Ferdinand Bruckner, Wedekind u. a., die alle revolutionsgeschwängert waren und mich begeisterten. Ich besuchte ... die Volkshochschule, die von der SPD geleitet wurde und meist auch solche Dozenten hatte ... Ich fand es hoch interessant, die Menschen der Umgebung zu analysieren. Es regte sich damals meine starke charakterologische Leidenschaft, die sich seit Leipzig (als Gasthörerin bei Ludwig Klages u. a. bedeutenden Psychologen) als dauerhaft erwies und mich bis heute nicht verläßt ...". Den modernen bildenden Künstlern war sie ebenso zugetan wie den zeitgenössischen Literaten. Zu manchem suchte sie persönlichen Kontakt, beispielsweise zu Käthe Kollwitz oder Ernst Barlach. Sie begann zu schreiben - Gedichte, Prosatexte, kulturgeschichtliche Abhandlungen. Ihre erste Veröffentlichung überhaupt - es war ein Beitrag für die "Rostocker Zeitung" - widmete sie dem Schaffen von Käthe Kollwitz.

In München frischte Annalise Wagner die aus Neustrelitz herrührende Bekanntschaft mit der Schwiegertochter des Neustrelitzer Malers Wilhelm Riefstahl (1827 - 1888) auf. Sie ordnete dessen Nachlaß und auch den seines bereits verstorbenen Sohnes Dr. Erich Riefstahl. "Nach vielen sauren Wochen und Monaten hatte ich mit peinlicher Genauigkeit mir ein Lebensbild des Malers erarbeitet." Im Ergebnis dieser Mühen entstand das 200 Seiten umfassende Manuskript einer Biographie und ein Aufsatz über den Künstler, den die von Johannes Gillhoff begründeten "Mecklenburgischen Monatshefte" im Oktober 1927 zum 100. Geburtstag des Malers veröffentlichten.

1930 kehrte sie endgültig in ihre Heimatstadt zurück. Inzwischen hatte sie die Ausbildung als Buchhändlerin abgeschlossen und beabsichtigte, diesen Beruf in Neustrelitz auszuüben. Das gelang ihr auch - zwar verbunden mit vielen Schwierigkeiten - über zwei Jahrzehnte. Vorerst arbeitete sie aber als Gehilfin im väterlichen Betrieb. Der Vater Otto Wagner (1866 - 1930), eine stadtbekannte und geachtete Persönlichkeit, entschloß sich kurz vor seinem Tod, den Betrieb in die Hände der Kinder zu geben. Tochter Annalise übernahm die Buch- und Papierhandlung, ihr jüngerer Bruder Friedrich Wilhelm die Buchdruckerei. Annalise Wagner begann bald mit verlegerischer Tätigkeit. Sie gab heimatkundliche Schriften heraus, z. B. erschienen 1938 in ihrem Verlag Walter Karbes "Strelitzer Allerlei", Karl Hackers "Ut Dörp un Stadt, Kasern un Schloß" und die "Wanderungen durch Neustrelitz und Umgebung".

"AWE" - wie sie Freunde und Bekannte nannten, nach dem Kürzel, mit welchem sie gern ihre Pressebeiträge und Briefe unterzeichnete – war eine ausgeprägte lndividualistin, die ziemlich genau wußte, was sie wollte. So geriet sie zwangsläufig mit den beiden deutschen Diktaturen in Konflikt, die im wesentlichen ihre Lebenszeit bestimmten.

Im Juni 1942 wurde sie in Schutzhaft genommen, kam aber durch glückliche Umstände nach einer Woche wieder frei. Die Nazis ließen wenig später ihr Geschäft schließen und beschlagnahmten die Räume. "1943 wurde mein Geschäft auf Befehl des Gauleiters Hildebrandt geschlossen und meine Geschäftswerte enteignet. Meine Geschäftsräume wurden beschlagnahmt und ein Ausweichlager für den Reichsnährstandsverlag eröffnet."

Nach dem Zusammenbruch der Nazidiktatur schloß sie sich den aufbauwilligen Kräften an, wurde Mitglied der Liberal - Demokratischen Partei Deutschlands, Stadtverordnete, Vorsitzende verschiedener Ausschüsse der Stadtparlaments, Mitbegründerin von Kulturbund und Demokratischem Frauenbund. Aber diesem Engagement war kein bleibender Erfolg beschieden. Ihr weit gefächertes Literatur- und Kunstverständnis kollidierte sehr bald mit den immer enger werdenden kulturpolitischen Vorgaben in der sowjetischen Besatzungszone bzw. der DDR, Differenzen mit den neuen politischen Kräften traten bereits 1948 zu Tage. Die politischen Auseinandersetzungen zwischen der SED und den Blockparteien betrafen sie persönlich. Ihrer Partei wurde die Zusammenarbeit, die auf antifaschistischer Grundlage entstanden war, aufgekündigt. "Die feigen maßgebenden Leute der LDPD - Ortsgruppe beurlaubten mich sofort, enthoben mich aller Ämter. Ich wurde sogar aus einer Versammlung geholt, als ich gerade am Rednerpult stand und Bericht gab über die eigene Arbeit." 1953 wurde ihre wiedererstandene Buchhandlung abermals geschlossen, allerdings nur für einige Wochen. Auch diese Aktion war politisch motiviert, denn wieder sollten die "falschen Bücher" in den Regalen gestanden haben. Trotzdem wagte Annalise Wagner einen weiteren Anfang und führte ihre Buchhandlung bis Ende der fünfziger Jahre weiter.

Von der Auflösung der ehrwürdigen Mecklenburg-Strelitzschen Landesbibliothek im Jahr 1950 war Annalise Wagner zwar nicht unmittelbar betroffen, aber daraus entstanden weitreichende Folgen für die Zukunft. Walter Karbe (1877 - 1956), jahrzehntelang Konservator des Landesmuseums und Bibliothekar an der Landesbibliothek, besaß erwiesenermaßen einen hohen persönlichen Anteil an der Rettung der Bibliothek in den schwierigen Wochen nach dem 30. April 1945. Im September 1950 mußte er ebenfalls kurzfristig der Parkhaus, das Domizil der Landesbibliothek, räumen, obwohl sich hier noch seine privaten Sammlungen befanden. Diese hatte er hier untergebracht, als die Besatzungsmacht 1945 das Haus seiner Wirtin beschlagnahmte. Nun sah sich die Stadtverwaltung Neustrelitz außerstande, ihm schnell angemessenen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. In dieser Situation bot Annalise Wagner Hilfe an, übernahm Walter Karbes Sammlungen in ihr Haus und richtete ihm hier sein "Studio" ein.

Nach dem Tode Walter Karbes erbte sie diese reichhaltige Privatsammlung, setzte Karbes Sammeltätigkeit fort und gründete im Dezember 1956 das Karbe-Wagner-Archiv als öffentlich nutzbares Privatarchiv. Später half sie einem neuen Stadtmuseum auf den Weg und gab seit 1966 die "Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs" heraus. Die ersten Hefte ließ sie noch auf eigene Kosten herstellen. Insgesamt waren 25 Folgen konzipiert, von denen bis 1977 15 Folgen erschienen, 13 noch mit ihrem direkten Zutun. Die Resonanz war sehr positiv. Einige Hefte erreichten in kurzer Zeit drei Auflagen. Das Heft 10 allerdings - "Aus dem alten Neubrandenburg : Teil III" - wird zwar schon 1972 gedruckt, aber erst 1981 zum Verkauf freigegeben.

Ihren Wissensschatz breitete Annalise Wagner gern und uneigennützig aus, vorausgesetzt, sie spürte wirkliches Interesse an und Verantwortung im Umgang mit Geschichte. "Nur der vermag sich die Zukunft zu bauen, der die geschichtliche Vergangenheit trotz kritischer Wertung achtet, der die Eigenart unseres Heimatlandes mit der zwar heute überholten Struktur liebt und sie nicht beschmutzt." Diese nach wie vor aktuelle Sicht auf die Dinge formulierte sie bereits im Jahr 1959. Sie widmete sich den Natur- und Heimatfreunden des Kulturbundes ebenso wie den Kindern oder den Urlaubern. Mit ihnen wanderte sie durch und vor die Stadt. Sie schrieb ungezählte Beiträge für die Regionalzeitungen und fand in der Kultur- und Personengeschichte sowie in der Kunstgeschichte ihre vielfältigen Themen.

1973 beschenkte Annalise Wagner ihre Vaterstadt mit dem Karbe-Wagner-Archiv, ihrem Wohnhaus und dem zugehörigen Grundstück. Anläßlich ihres 70. Geburtstages erhielt sie die Ehrenbürgerwürde der Stadt. Das aber schützte sie nicht davor, ein dreiviertel Jahr später vor die Tür ihres ehemaligen Archivs gesetzt zu werden, in welchem sie noch stundenweise tätig war. Die damit verbundenen Benachteiligungen und Querelen empfand sie als tiefe persönliche Kränkung, welche sie bis zu ihrem Lebensende nicht verkraften konnte. Es schmerzte sie sehr, in der DDR, insbesondere in ihrer engeren Heimat, immer weniger Wirkungsmöglichkeiten zu finden, denn Zeitungsredaktionen, Verlage und so manche andere Tür blieb für sie immer öfter verschlossen. Nur das "Carolinum", die Zeitschrift der Altschülerschaft des Gymnasium Carolinum Neustrelitz, in Göttingen herausgegeben, erwies sich als verläßliches Podium über Jahrzehnte. 64 Aufsätze aus ihrer Feder wurden hier abgedruckt.

Manchen ihrer Texte schrieb sie unter einem beziehungsvollen Pseudonym, welches Landessuperintendent Kurt Winkelmann (1932 - 1996) bei der ersten Verleihung des Annalise-Wagner-Preises im Jahr 1992 aufgriff, als er sagte: "Annalise Wagner, die sich selbst manchmal Anna Eckstein nannte, wurde manchmal zu einem Eckstein, an dem man sich stoßen konnte. Aber auch zu einem Anstoß, der Anregungen vermittelte, die in die Zukunft weisen. Weil sie sich Sorgen machte um die nächste Generation, weil sie aufblicken und zum Ausblick anregen möchte, formulierte sie scharf: 'Aber die Wegwerfgesellschaft in ganz Deutschland wirft nicht nur unmoderne oder kaum gebrauchte Gegenstände über Bord, sondern auch das eigene Leben oder das anderer. Die Sinnlosigkeit eines Lebens ohne ethische Werte und Ziele, ohne die Basis Humanität im wahrsten Wortsinn, ohne gottnahe Menschlichkeitsentwicklung, also ein Leben aus und mit dem Gottgeist, führt zum Abgrund."

Am 26. Juni 1986 verstarb Annalise Wagner einsam in ihrer Wohnung an Herzversagen. Im Kontext zu den wenige Jahre nach ihrem Tode eingetretenen politischen Veränderungen in der DDR betrachtet, die viele ihrer menschlichen Maximen und politischen Auffassungen bestätigten, ist dieser Lebensabend nicht frei von tragischen Momenten. Der Nachlaß ging in Vollzug ihrer Testaments an die damalige Stadt- und Bezirksbibliothek, heute Regionalbibliothek Neubrandenburg. Die Büchersammlung, die archivalischen und antiquarischen Teile des Nachlasses verblieben aber in Neustrelitz. Auf der Grundlage eines Teils des hinterlassenen Barvermögens errichtete die Stadt Neubrandenburg als Trägerin der Regionalbibliothek 1991 die Annalise-Wagner-Stiftung und vergibt nun jährlich den gleichnamigen Literaturpreis. Dieser soll ganz im Sinne Annalise Wagners der Aufarbeitung mecklenburgischer Kultur- und Landesgeschichte dienen und die in der südöstlichen Region ansässigen Autorinnen und Autoren unterstützen.

"Eckstein" kann Annalise Wagner nun nicht mehr sein, dafür aber ein Prüfstein für unsere Toleranz gegenüber einem Leben nach konsequent eigenem Entwurf, für unsere Bereitschaft, "aus den Fehlern der alten Zeit zu lernen", also für unsere Fähigkeit zur historischen Wahrheitsfindung.

Gudrun Mohr (Neubrandenburg) Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Marco Zabel: Annalise Wagner (1903 - 1986)

Quelle:
Unbequeme Streiterin für historische Werte : die Heimatforscherin Annalise Wagner wäre im Juni 100 Jahre alt geworden / Marco Zabel. – In: Anzeigenkurier. - Neubrandenburg (2003-04-09)15. - S. 21

Eine Straße und ein Archiv in Neustrelitz, eine Stiftung in Neubrandenburg – sie tragen ihren Namen: Annalise Wagner. Im Jahr 2003 wäre die Neustrelitzer Ehrenbürgerin 100 Jahre alt geworden.Annalise Wagner wurde am 19. Juni 1903 als drittes von fünf Kindern des Neustrelitzer Druckereibesitzers Otto Wagner und seiner Frau Ella, geb. Baade, geboren. Von 1908 bis 1918 besuchte sie in ihrer Vaterstadt die Schule und nahm dann eine Lehre im Betrieb des Vaters auf. Von 1919 an besuchte sie ihre „Universitäten“, wie sie die Aufenthalte in Hamburg, Berlin, München, Leipzig sowie in Brunshaupten und Burg b. Magdeburg nennt, die nur durch immer wiederkehrende Station in Neustrelitz unterbrochen werden. Dank ihrer Anstellungen, vornehmlich in Buchhandlungen und Verlagen, stand sie auf eigenen Beinen, wodurch sie auch Freundinnen finanziell unterstützen konnte, und eignete sich zusätzliche Kenntnisse ihrer Branche an. Ausdruck ihres Wunsches nach beruflichem Fortkommen ist der hervorragende Abschluss der Leipziger Buchhändler-Lehranstalt 1929. Prägender noch als die berufliche Entwicklung erwiesen sich für Annalise Wagner Freundschaften dieser Zeit und das reiche großstädtische Kulturangebot, dem sie viele Impulse verdankt. Sie besucht die großen Kunstausstellungen der Zeit, lässt sich in den Bann moderner Theateraufführungen ziehen und sucht den Kontakt zu Künstlern wie Malern, Bildhauern und Schriftstellern. Am bekanntesten sind Ernst Barlach und Käthe Kollwitz. Letztere besucht sie in ihrem Berliner Atelier.Von vielfältigen Anregungen und Eindrücken angefüllt, sah Annalise Wagner ihre Aufgabe vor allem in der Vermittlung ihrer Gedanken und Erkenntnisse. Ab 1931 wieder nach Neustrelitz zurückgekehrt, sucht sie mit mehreren Vorträgen zu künstlerischen, religiösen und philosophischen Themen die Öffentlichkeit. Sie schreibt über Kunst und Künstler der Gegenwart und veröffentlicht darüber hinaus eigene Lyrik. Doch gerade für die eigenen Arbeiten, zu denen auch dramatische Werke gehören, bleibt der Erfolg aus. Umfangreiche Bemühungen, einen Verleger zu finden, scheiterten allesamt. So verwundert es kaum, dass sich Annalise Wagner auf die ihr zu Gebote stehenden Mittel besann. Sie schmiedet Pläne für weitreichende verlegerische Vorhaben. Auch Kooperationen kommen in Betracht. Seit 1933 hatte sie die der Druckerei angeschlossene Buch- und Papierhandlung, zu der auch eine kleine Verlagsabteilung gehörte, in Eigenregie übernommen. Entgegen anderen Ambitionen bildete Heimatliches den Kern des Verlagsprogramms. Ihre Buchhandlung führte Annalise Wagner auch in der NS-Zeit weiter – bis sie 1943 zwangsweise geschlossen wurde. Vor 1933 hatte sie mit Teilen der NS-Ideologie sympathisiert, war dann aber auch selbst Benachteiligung und Verfolgung ausgesetzt.Zum Kriegsende 1945 war sie Gartenarbeiterin einer Neustrelitzer Gärtnerei. In ihrer Heimatstadt erlebte sie die mit der Befreiung einhergehenden Gräuel. Erschüttert von den Eindrücken dieser Tage und von den Ergebnissen der vorangehenden zwölf Jahre engagierte sie sich nun erstmals direkt politisch. Für die Liberaldemokratische Partei LDP(D) war sie Stadtverordnete und Mitglied mehrerer Ausschüsse, wo sie sich vor allem für soziale Belange einsetzte. Ein weiterer Schwerpunkt Annalise Wagners Arbeit war ihr Einsatz für die Rechte der Frauen. In Neustrelitz war sie aktiv an der Gründung des Demokratischen Frauenbundes DFD beteiligt. Unter fadenscheinigen Gründen war sie jedoch schon 1948 gezwungen worden, ihre politische Arbeit zu beenden, so dass sie abermals einen Neubeginn bewältigen musste. 1949 erhielt Annalise Wagner die Genehmigung, ihre Buchhandlung wieder zu eröffnen. Vor allem die Abteilung Antiquariat und Kunsthandel hatte bald den Status einer festen Institution erreicht. Firma und Ladengeschäft erloschen im Jahre 1960. Zuvor hatte Annalise Wagner die private Sammlung des Neustrelitzer Konservators und Heimatforschers Walter Karbe geerbt und am 6. Dezember 1956 als nutzbares Privatarchiv der Öffentlichkeit geöffnet. Im Jahr 1957 konnte sie Walter Karbe mit dem im Hinstorff-Verlag erschienenen Buch „Der sich die Heimat erwanderte“ ein weiteres Denkmal setzen. Ihre weitere Arbeit orientierte sich an seiner. Nach dem schmerzlichen Verlust von Landesarchiv (1934 nach Schwerin geschafft und dort dem Landeshauptarchiv einverleibt), von Landesmuseum (1945 beim Brand des Neustrelitzer Schlosses ausgelöscht) und von Landesbibliothek (1950 aufgelöst und auf verschiedene Bibliotheken aufgeteilt)  ein neues „Gedächtnis“ für Mecklenburg-Strelitz zu schaffen, war ihr Ziel. Annalise Wagners Bemühen bestand zunächst darin, die Sammlungen zu erweitern und in die Hände einer staatlichen Einrichtung oder Organisation zu geben. Statt dessen konnte sie 1965 für ihr „Karbe-Wagner-Archiv“ (KWA) tatsächlich die staatliche Anerkennung erreichen. Zugleich schuf sie die Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs, mit der sie die Lücke heimatkundlichen Schrifttums im Bezirk Neubrandenburg zu schließen versuchte. Der Erfolg der Hefte – die ersten 13 stammen von ihr oder sie war zumindest federführend beteiligt – gab ihr Recht. Einige waren nach wenigen Tagen ausverkauft und erreichten mehrere Auflagen. Begehrt waren sie auch in der Bundesrepublik.Nachdem sie von 1960 an als „Sachbearbeiterin für die Stadtchronik“ in Diensten der Stadt Neustrelitz gestanden hatte, wurde das KWA 1965 Außenstelle des Müritz-Museums Waren. 1970 nahm Annalise Wagner ein neues Arbeitsverhältnis als Leiterin des KWA beim Rat der Stadt Neustrelitz auf. Zum Jahresbeginn 1973 schenkte Annalise Wagner „ihrer“ Stadt Neustrelitz Wohnhaus samt Grundstück und Archiv, dessen Sammlungen bis dahin ihr Privatbesitz geblieben waren. Daraufhin wurde ihr die Neustrelitzer Ehrenbürgerwürde zuteil. Auch die Eröffnung des Museums der Stadt im gleichen Jahr im Haus Gutenbergstraße 3 geht maßgeblich auf sie zurück. Der Grundstein für ein neues „Gedächtnis“ in Neustrelitz war damit gelegt. Trotz öffentlicher Ehrung blieben Einschränkungen ihrer Arbeit, vor allem ihrer Publikationstätigkeit, an der Tagesordnung. Annalise Wagners Texte waren manchem Verantwortlichen ein Dorn im Auge. Mit dem Ende ihrer Tätigkeit im Archiv 1974 verringerte sich auch der Umfang ihrer Veröffentlichungen. Als unbequeme Mahnerin und Streiterin für die überkommenen historischen, vor allem kulturellen, Werte ihrer Heimat blieb sie „Eckstein“ und zugleich Anlaufpunkt vieler Natur- und Heimatfreunde. Annalise Wagner schrieb viele hundert Zeitungsartikel und war Autorin des in Göttingen herausgegebenen „Carolinums“, der Zeitschrift der Altschülerschaft des Gymnasiums Carolinum. Den Gedanken der Einheit Deutschlands nie aufgebend, war sie Brücke zwischen Mecklenburgern in Ost und West.Am 26. Juni 1986 starb Annalise Wagner in ihrer Wohnung in Neustrelitz. Ihren Nachlass hatte sie der Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg vermacht. Bei der heutigen Regionalbibliothek wurde 1991 mit dem hinterlassenen Barvermögen die Annalise-Wagner-Stiftung errichtet, die im Sinne Annalise Wagners heimatkundliches Schrifttum aus und über Mecklenburg-Strelitz und das Stargarder Land durch die Vergabe eines regionalen Literaturpreises – des „Annalise-Wagner-Preises“ - fördert.

Brigitte Birnbaum: "Im Du"

Quelle: "Es ist mein Los, das alles Torso bleibt ..." : Briefe zwischen Marga Böhmer und Annalise Wagner / ausgew. u. mit 2 Essays von Brigitte Birnbaum. - Neubrandenburg, 1998. - S. 360 - 364
Typoskript, unveröff. Manuskript

Unter dieses Wort der Nähe stellte sie vier Gedichte, die sie mit anderen Versen von sich 1931 in der Druckerei ihres Vaters herausgab. Wunsch oder Erkenntnis? Achtundzwanzig war Awe - wie sie sich selbst nennen wird - damals und nach Jahren in München und Leipzig wieder ins mecklenburgische Heimatstädtchen und in den väterlichen Betrieb zurückgekehrt. Eine kleine, junge Frau, dicklich und mit Brille, und wenn man ihr auf der Straße nachschaute, dann nicht, weil sie besonders elegant gekleidet war. Wäre sie nach Neustrelitz zurückgekehrt, wenn sie vermögender gewesen wäre? Oder wenn sie es auswärts geschafft hätte, selbständig und frei zu leben? Wahrscheinlich nicht. Im Elternhaus wartete nur Gehilfenarbeit auf sie, und an ihren teils älteren, teils jüngeren Geschwistern hing sie auch nicht gerade mit großer Liebe. Und jene nicht an ihr. Vielleicht schämten sie sich sogar ihrer mittleren Schwester, deren Sehnsucht nach Zweisamkeit anders zu stillen war als bei den meisten Frauen. Und das in Neustrelitz, wo jeder jeden kannte. Was blieb Awe anderes, als in der Druckerei oder der dazu gehörenden Buchhandlung zu arbeiten und sich in Kunst und Literatur zu flüchten. "Der Mensch van Gogh" interessierte sie und Bettina von Arnim; Heinrich Zille und Käthe Kollwitz. Awe versuchte sich in der Kunstwissenschaft; hielt Vorträge. Beschäftige sich 1930/31 mit den Dramen von Ernst Barlach. Schrieb dem Künstler, schickte ihm ihr Manuskript und bat, ihn in Güstrow besuchen zu dürfen. Am 16.3.1932 sagte Bernhard A. Böhmer im Auftrag von Barlach ab. Vier Monate später, Awe hatte erneut angefragt, geschah Gleiches. Schon zu seinem 60. Geburtstag (1930) hatte Awe eine Würdigung des Meisters verfaßt. Aber es gelang ihr nicht, sie in den Mecklenburgischen Monatsheften zu veröffentlichen. Schmerzliche Enttäuschung. Es sollte Awes Tragik werden, daß sie sich und ihre Leistungen überschätzte. Sie fühlte sich "stehengelassen als nicht ebenbürtiges Wesen", wie als Kind in der Schule, wo sie begreifen mußte, daß es Standesunterschiede und Bildungsunterschiede gab. Gewöhnlich ließ ihr der Alltag wenig Raum für persönlichen Kummer. Die 1934 vom Vater übernommene Buch- und Papierwarenhandlung forderte sie. 1936 kam die Druckerei, die bis dato ihr Bruder Friedrich Wilhelm geführt hatte, ebenfalls in ihre Regie, allerdings nicht kampflos. Awe wurde Verlegerin für heimatkundliches Schrifttum, wie's damals hieß. Lehnte aber den Vertrieb von Nazi-Zeitungen ab. Das konnte nicht geheim bleiben. Außerdem war Awe von der Art Menschen, denen es stets gelingt, sich mit den Herrschenden anzulegen. "Ich bin ein Fanatiker, 100%ig", gestand sie freimütig ein. Und nur Dank dieser Eigenschaft gelang es ihr immer wieder, sich aus den tiefsten Tiefen aufzurappeln. Sie schaffte es 1942, nach nur sieben Tagen Schutzhaft, wieder freizukommen. Möglich, daß persönliche Beziehungen eine Rolle gespielt haben. Die Enteignung durch die Nazis schlug für Awe 1945 in Glück um; wenn ihr auch der Status als "Opfer des Faschismus" wegen Geringfügigkeit bald aberkannt wurde. Mit selbst genähtem Rucksack und zehn Mark machte sie Touren über Land und kaufte auf Kredit Bücher und Kunstgegenstände auf. Schon 1948 erhielt sie eine Gewerbeerlaubnis für Antiquariat und Kunsthandel. Räumlich mußte sie sich stark einschränken. In ihr Haus waren Flüchtlinge einquartiert worden, und in die Druckerei im Hof des Grundstücks zog die FREIE ERDE ein, die Bezirkszeitung der SED. Die im ganzen Land herrschende Not und das Nachkriegselend glaubte Awe am schnellsten durch tatkräftiges Zupacken beenden zu können: als Mitglied der LDPD, als Stadtverordnete, als Vorsitzende des Sozial- und Wohnungsausschusses. Doch auch jetzt geriet sie wieder mit den Regierenden in Konflikt. "Was für ein Wirbel von Hans Fallada gemacht wird, von einem Schriftsteller und Kriminellen und Süchtigen", erboste sie sich. "Meine Arbeit und Person könnte wohl weit schwerer in der Gesellschaft wiegen als die des besagten Schriftstellers." Nicht immer war Awe im Recht. Enttäuschungen, auch politische, blieben ihr nicht erspart. Dennoch verließ sie nicht wie so mancher ihr Heimatstädtchen in Richtung Westen. Awe blieb und wehrte sich; fühlte sich verantwortlich; auch für ihre Mitmenschen, die ihr schwach und hilflos schienen wie Walter Karbe. Für seine Sammlung fand sie in ihrem Haus trotz aller Enge ein Eckchen und erhielt so der Stadt Neustrelitz ein Archiv. Bald nach Barlachs Tod (1938) hatte Awe versucht, sich in den Freundeskreis von Marga Böhmer einzureihen. Barlachs Lebensgefährtin reagierte in ihrer Trauer nicht sofort, lud die Neustrelitzerin dann aber ein. Doch Awe reiste damals nicht nach Güstrow. Der Zweite Weltkrieg war inzwischen ausgebrochen. Zehn Jahre später kreuzten sich erneut ihre Wege. Von einer Kundin hörte Awe, daß Marga Böhmer in Güstrow unter armseligen Verhältnissen lebte und daß sie darum kämpfte, dem Meister eine Gedächtnisstätte in der St. Gertruden, einer ziemlich verfallenen Friedhofskapelle, einzurichten. Sofort bot Awe Hilfe an. Marga zögerte anfangs. Jetzt besuchte Awe sie. Sie schrieben einander lange Briefe. Die akademisch gebildete Künstlerin, die weder Kuchen backen noch eine Ente braten konnte - solches auch nie hatte können müssen - und die praktische Awe, die stets auf sich selbst gestellt war, kamen einander näher. Aus ihrer Bekanntschaft wurde eine Freundschaft. Sie fanden sich im Du. "Unsere Freundschaft war eine außergewöhnliche, kann ich sagen, weil sie ganz aus dem üblichen bürgerlichen Milieu herausbrach", schrieb Awe. "Marga Böhmer war ein Mensch, mit dem man gute zuverlässige Freundschaft schließen konnte - vorurteilsfrei in Hingabe an den Partner." Wenn nur irgend möglich, engagierte sich Awe für die Freundin und den Meister, regelte sie vieles auf den Ämtern und Dienststellen, machte schriftliche Eingaben. Verlangte sie z.B. am 20. 5. 53 per Telegramm von der Staatlichen Kommission für Kunstangelegenheiten in Berlin "sofort einen Blitzableiter für die Gertruden-Kapelle zu veranlassen". Da sich Awe von niemand abweisen ließ, schuf sie sich schnell Gegner; besonders, weil sie die Meinung vertrat, "in Ost und West marschiere ein absolut falscher Sozialismus. Er hat keine Basis, kein Fundament, ist nicht verwurzelt, darum kann er sich nirgend verankern, ist auf Streusand gebaut." Nach ihrer Ansicht mußte das Fundament "aus persönlicher Liebe und Verantwortung für den Nächsten bestehen". Solches von der deutsch-national gesinnten Neustrelitzerin und Verehrerin des mecklenburgischen Herzoghauses zu hören, erstaunt. Bei Deutschlands "Erbfeinden" oder auch nur bei alkoholabhängigen Mitbürgern kannte sie nicht das geringste Quantum an "überpersönlicher Liebe". Obwohl ihr "unbedingter Glaube an die Gottgeisterkraft" sie eigentlich dazu hätte führen müssen. War Awe doch fest überzeugt, "daß die Kraft guter Gedanken helfender Bote sein kann". Gern hätte sie ihre Buchhandlung aufgegeben und nur wissenschaftlich gearbeitet. Weil sie aber Geld verdienen mußte, versuchte sie beides nebeneinander. Sich keine Ruhe gönnend, besonders seit Margas Tod und dem Verlust anderer Freundinnen, schrieb sie. Keine Gedichte mehr. Sie setzte Walter Karbe ein literarisches Denkmal, veröffentlichte in Westdeutschland über Adolf Freiherrn von Schack, Albrecht von Maltzahn und den Grafen Friedrich H. Hahn. "Meine Stärke oder Liebe in meiner Schreiberei ist stets das biographische Denkmal gewesen. Der Mensch kommt bei mir zuerst und erst danach der Künstler und sein Werk. Ich bin der Ansicht, von der Größe des Menschen hängt auch die Größe des Werkes ab. Sie ist doch Ausfluß seiner Sinne, des Gemüts und des Geistes." 1966 schuf Awe die Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs, das sie 1956 gegründet hatte und seitdem betreute. Zwölf Hefte zur Heimatgeschichte erschienen, in denen sie über die unterschiedlichsten Themen publizierte. Abgesehen von den zahlreichen Beiträgen in den Regionalzeitungen. Immer von dem Wunsch getrieben, Neustrelitz sein historisches Gedächtnis wiederzugeben, das die Stadt seit 1934 mit der Auflösung des Landeshauptarchivs bis hin zur Auflösung der Landesbibliothek (1950) allmählich verloren hatte. Von der gleichen Idee beseelt, schenkte sie 1972 ihr Wohnhaus samt Anwesen ihrer Heimatstadt, ein halbes Jahr später geht auch das Karbe-Wagner-Archiv als Schenkung an Neustrelitz über. Und quasi als Dank wurde Awe am 70. Geburtstag zur Ehrenbürgerin ernannt. Die Eröffnung des von ihr aufgebauten Heimatmuseums in der Gutenbergstraße 2 war ihr dann leider nicht mehr vergönnt. Nach Auseinandersetzungen mit dem Rat der Stadt wurde Awe kurzfristig am 1. April 1974 entlassen und ein neuer Archivar eingestellt. Eine Kränkung, die Awe nie verwand, zumal sie nun zur Wirkungslosigkeit verdammt war. Isoliert und alt geworden, beschäftigte sie sich mit dem Leben von Hoffmann von Fallersleben. Die Ehrenbürgerin muß jedes Vertrauen zu ihren Stadtvätern verloren haben. Sie kaufte sich sicherheitshalber selbst ihren Grabstein und vermachte ihren Nachlaß mit allen Rechten der Stadt- und Bezirksbibliothek Neubrandenburg. Awe trat nicht, wie sie, infolge von wiederholten Herzanfällen auf Bahnhöfen glaubte, von dort ihre letzte Reise an. Einsam starb sie am 26. Juni 1986, sieben Tage nach ihrem 83. Geburtstag, in ihrer Wohnung.

Annalise Wagner, Annalise-Wagner-Stiftung, Annalise-Wagner-Preis

Annalise Wagner (1903 – 1986)
Literaturtipps (PDF)

stellte sich eine besondere Lebensaufgabe: Sie wollte helfen, ihrer Heimatstadt Neustrelitz und ihrer Heimatregion Mecklenburg-Strelitz nach dem Verlust von Landeshauptarchiv (1934), Landesmuseum (1945) und Landesbibliothek (1950) wieder ein „historisches Gedächtnis“ zu geben. Sie mahnte: „Nur der vermag sich die Zukunft zu bauen, der die geschichtliche Vergangenheit trotz kritischer Wertung achtet, der die Eigenart unseres Heimatlandes liebt ...“

Und sie hat Bemerkenswertes erreicht: Annalise Wagner hinterließ als unermüdliche Heimatforscherin und produktive Autorin, als Gründerin des Karbe-Wagner-Archivs (1956), als langjährige Herausgeberin der „Schriftenreihe des Karbe-Wagner-Archivs“ und als Wegbereiterin für das neue Museum der Stadt Neustrelitz (1973) ein materielles und ein geistiges Vermächtnis, das für das „historische Gedächtnis“ der Region und für nächste Generationen von großem Wert ist.

Ihre Biografie ist geprägt durch die Widersprüche und Brüche deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert und deren Spezifik in Mecklenburg-Strelitz – widergespiegelt im Leben einer unbequemen, streitbaren Frau mit kompromisslosem Anspruch an die „Freiheit des Geistes“ und an ein „Leben nach eigenem Entwurf“. „Annalise Wagner, die sich selbst manchmal Anna Eckstein nannte, wurde manchmal zu einem Eckstein, an dem man sich stoßen konnte. Aber auch zu einem Anstoß, der Anregungen vermittelte, die in die Zukunft weisen“, schrieb Kurt Winkelmann (1932 –1996).

Als eine Konsequenz ihres Lebens entstand die Annalise-Wagner-Stiftung. Denn Annalise Wagner formulierte 1986 als ihren letzten Willen, in klarem Bewusstsein, dass dieser Wunsch unter den gegebenen kulturpolitischen und rechtlichen Bedingungen nicht realisierbar war: „Da in meinem gesamten Leben die mecklenburgische Kulturgeschichte große Bedeutung hatte, ist es mein Wunsch, aus einem Teil des Nachlasses die weitere Aufarbeitung der mecklenburgischen Kulturgeschichte auch künftig zu fördern bzw. zu unterstützen. ... Aus den Zinsen [des nachgelassenen Barvermögens] soll jährlich eine derartige Arbeit, sei es in Prosa, Lyrik, Biografie, Geschichte usw., die einen besonderen Wert hat, mit einem Preis gewürdigt werden.“

Zum Erben bestimmte Annalise Wagner die Regionalbibliothek Neubrandenburg. Als fünf Jahre später das Bundesland Mecklenburg-Vorpommern entstand und sich die Rechtsverhältnisse änderten, wurde ihr letztes Vermächtnis Wirklichkeit: Auf Initiative der Regionalbibliothek errichtete die Stadt Neubrandenburg am 19. März 1991 die


Annalise-Wagner-Stiftung.
Annalise-Wagner-Stiftung
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Annalise Wagners Testament legte auf diese Weise den Grundstein für die erste Kulturstiftung, die nach 1990 in Mecklenburg-Vorpommern entstand – und für eine der frühesten Stiftungsgründungen nach 1990 in den neuen Bundesländern. Als Stiftungszweck ist festgeschrieben „die weitere Aufarbeitung der mecklenburgischen Kulturgeschichte zu unterstützen und zu fördern.“ Dieser wird insbesondere verwirklicht durch die Auszeichnung einer literarischen Arbeit aus der oder über die Region Mecklenburg-Strelitz mit einem regionalen Literaturpreis, dem

Annalise-Wagner-Preis
Preisträger 1992-2016 (PDF)

Der Annalise-Wagner-Preis war der erste Kulturpreis, der in Mecklenburg-Vorpommern nach 1990 ins Leben gerufen wurde. Die Stiftung benannte ihn nach Annalise Wagner - weil sie ihn stiftete, aber auch weil sie lebenslang mit Literatur und Regionalliteratur eng verbunden war: als Leserin mit bemerkenswertem Gespür auch für moderne Literatur, als Buchhändlerin, Verlegerin, Archivarin, Autorin und als Förderer anderer, besonders gern junger Autorinnen und Autoren.

Sachliteratur und Belletristik aus der oder über die Region Mecklenburg-Strelitz - das sind Texte, die Daten und Fakten, Gedanken und Gefühle, Welt- und Zukunftsbilder bewahren und weitergeben, Kommunikation, Reflexion und Forschung ermöglichen. Diese literarischen Dokumente sind wichtige Bestandteile eines „Gedächtnisses der Region“! Durch die Vergabe des Annalise-Wagner-Preises möchte die Annalise-Wagner-Stiftung die Öffentlichkeit für die Nachhaltigkeit literarischer Texte und für die ganz besondere Leistung von Autorinnen und Autoren sensibilisieren und beitragen zu einer kulturellen Atmosphäre, die Schreiben und Publizieren in der und über die Region Mecklenburg-Strelitz anregt und fördert. Am Herzen liegt der Stiftung dabei die Förderung junger Autoren. Deshalb kann auf Vorschlag der Jury zusätzlich zum Annalise-Wagner-Preis jährlich eine „Lobende Anerkennung für junge Autoren“ an Autoren bis 27 Jahre vergeben werden. Diese ist mit 200 Euro dotiert und wird durch Spenden an die Annalise-Wagner-Stiftung finanziert.

Annalise-Wagner-Stiftung
c/o Regionalbibliothek Neubrandenburg
Marktplatz 1
17033 Neubrandenburg

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